Sprachlos in Pelabuhan Ratu

Wie beginnt man einen Artikel der “Sprachlos in Pelabuhan Ratu” heißt? Klar, mit einem Zitat!

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Ankunft

Wir sind nicht direkt in Pelabuhan Ratu, sondern in Tjiamadja, einem kleinen Dorf ca. 15 km westlich von “Pelabuhan”, wie es hier kurz oder noch kürzer “Labuhan” genannt wird.

Pelabuhan Ratu war ursprünglich ein Fischerdorf an der Südküste Westjavas, dann ein Markt, jetzt eine Kleinstadt. Erreichbar nur mit stahlhartem Hintern in öffentlichen Bussen (unsere Wahl) oder auch mit dem Auto oder dem Moped. Leider nicht mit dem Zug.

Nach guten dreieinhalb Stunden Fahrt von Bogor erreicht man den Busterminal nach einer Unzahl von Kurven, die leicht nervösen Mägen nicht anzuraten sind (als Kind – null Problemo, heute sitze ich gerne vorne und wehe ich lese nur einen Buchstaben Zeitung …).

Wir haben Glück. Zwei Sitzplätze gleich hinter dem Busfahrer. Da kann man die Beine ausstrecken und hat eine gute Aussicht. Zu früh gefreut! Die Aussicht ist durch einen Sonnenschutz behindert und das Motiv lässt nur vermuten, dass wir es hier mit einem verhinderten Astronauten zu tun haben (allerdings unberechtigt – wir bleiben am Boden).

Busker
nicht alle Busker singen mit dieser Leidenschaft wie unser Bänkelsänger. Wichtig! Folgende Worte müssen im Text eines Buskerliedes enthalten sein: Cinta (Liebe), Hati (Herz), Sayang (Liebste, Liebster). Sonst kann er gleich wieder aussteigen!

Immer wenn der Bus einen kurzen Halt macht, springen eine Reihe Händler und/oder ein Busker in den Bus und es beginnt ein “Konzert” der eigenen Art. Ein Beispiel, habt ihr ja in unserem letzten Eintrag gehört. Aber das war ein echtes Highlight, normalerweise sind die Sänger, Musiker, Händler nur um ihre eigene, statt unsere Unterhaltung bemüht.

In Pelabuhan angekommen, müssen wir in ein Angkot wechseln (diese Dinger waren in ihren früheren Leben Sardinenbüchsen). Damit zuckeln wir noch ca. 12 km weiter nach Tjimadja, zu unserem Hotel, das jeder Angkotfahrer kennt und gegen einen kleinen Aufpreis (sprich: das Doppelte), direkt anfahren würde.

Angkot
Angkot – Carsharing auf indonesisch

Zu Fuß, vielleicht 750 m die Straße hinauf, vorbei an kleinen Häuschen, geschäftigen Menschen, die dennoch Zeit haben uns neugierig zu betrachten und gelegentlich ein “Hello Mister” zuzurufen, erreichen wir die Einfahrt zu unserem Hotel. Durch eine 50m lange Palmenallee (quasi wie in “Vom Winde verweht” die Allee der Farm Zwölf Eichen – vielleicht ist diese Schilderung aber doch ein bisschen zu rosabrillig) schreitet man hinab zur Rezeptionshütte linker Hand, rechts ist die Securityhütte. Wir checken ein und ein junger Mitarbeiter zeigt uns unser neues Domizil.

Der Herrgottswinkel in Indonesien

Was wir hier zu sehen bekamen, hat uns schlichtweg die Sprache verschlagen (und das ist nicht ganz so einfach). Ein unbeschreiblicher Blick auf Reisterrassen, Bananenhain, die Bucht von Pelabuhan Ratu, das Meer und sogar sich brechende Wellen.

Blick auf Samudra Beach
früh morgens, der nächtliche Regen verzieht sich … oder es droht Regen … keine Ahnung, wie hier das Wetter tickt

Es ist vermeintlich still. Man hört die kleinen Manyar Vögel zwitschern. Ja, es gibt sie tatsächlich. Dies ist nicht nur der Titel eines tollen Gamelanstücks, nein, es sind tatsächlich Vögel, aber nicht tausende (sewu), wie im Stück Manyar Sewu betitelt, sondern nur ein Schwarm von vielleicht 20 Piepmätzen, die wie die Spatzen miteinander plaudern.

 

Manyar Sewu
die echten Manyar Sewu klingen dann doch etwas einfacher als das Gamelanstück Manyar Sewu

 

Die Luft rauscht und lässt die Palmen wiegen, das Quaken der Frösche und Kröten herüberwehen. Dazwischen tönt entfernt das Rollen der Wellen unser Amphitheater aus Reisefeldern herauf. Und nachdem das abendliche Gewitter sein leicht abkühlendes Schauspiel geliefert hat, hört man zwischen alten, welken Palmblättern versteckt, einen Gecko rufen. Irgendwie kann man sein Glück gar nicht fassen.

Dinge die w i r k l i c h schön sind, sind so unglaublich schwer zu fassen und zu beschreiben. Wir sitzen hier in Indonesien, in Pelabuhan Ratu, mitten in den Reisfeldern und es ist einfach nur …

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Wir können uns gar nicht satt sehen. Sitzen nahezu den ganzen Tag einfach nur auf der Veranda oder iIm Restaurant. Sogar vom Pool aus hat man diesen Blick.

Swimmingpool
wirklich wirklich, keine Bildbearbeitung – so haben wir den Pool für uns alleine gehabt.

Wir haben lange überlegt, ob man diese Bilder überhaupt ins Internet einstellen darf. Die Gefahr, dass der aufmerksame Leser unvermittelt eine Flug bucht und hierher kommt, ist ja doch immens. Erstaunlich, das Hotel steht quasi leer und ist auch noch günstig (ca. 21 €/ Zimmer/ Nacht).

Tagesrhythmus

Wir bleiben hier tatsächlich 10 Tage… Und mit der beginnenden Regenzeit bietet sich jeden Tag ein neues, einzigartiges Schauspiel.

Am Morgen …

Ausblick beim Frühstück
Unglaublich! Unser Ausblick beim Frühstück: “Wieso sollen wir noch weiterreisen?”

Tagsüber …

Reisfelder vor dem Gewitter
Witz unter Reisbauern: “Ein Gewitter ist im Anzug” – “Dann bring den Anzug doch zur Reinigung” (sorry)

wie nachts…

dieser Blitz schlug zum Glück weit entfernt ins Meer ein
dieser Blitz schlug zum Glück weit entfernt ins Meer ein

 

Reisbauern

Wir erleben den täglichen Rhythmus der harten arbeitenden Bauern. Kurz nach der Morgendämmerung schleichen sie wie Waldgeister über Ihre Felder. Bereiten behutsam ihre Tagesarbeit vor, den Pajul (flache Feldhacke) haben sie tags zuvor unter dem Mangobaum abgelegt, Oder sie hängen ihre Habseligkeiten in die Bananenbäume. Gerade dies ist so ungewohnt für uns, die wir gewohnt sind Bananenpflanzen im Badezimmer wie rohe Eier zu behandeln.

Dann beginnt die nasse Feldarbeit. Egal, ob mit Pajul, von Kerbau gezogenem Pflug oder modernem Nassreistraktor, es ist eine elende Plackerei.

Bauer beim Pflügen mit Kerbau
es gibt zwar auch kleine Traktoren – aber Kerbau pflügen heute immer noch

Jetzt im Oktober werden die Felder fürs Pflügen erst einmal vorbereitet, die Dämme von Unkraut befreit, ausgebessert und der Reiskindergarten angelegt. Unglaublich, hier hört man das “Gras” zwar nicht wachsen, aber man sieht es.

Man gewinnt den Eindruck, dass ihnen der Regen eher eine Erleichterung als eine Last ist. Nach ein, zwei Stunden scheint die Sonne wieder und die Arbeit wird noch härter. Meist sind sie vor dem ersten Regen sowieso schon nass geschwitzt.

Nassreisanbau
Nassreisanbau bezieht sich hier sowohl auf die Anbauart, als auch auf die Wetterlage, in der sich dieser Reisbauer befindet.

Spätestens beim zweiten Ruf (vormittags) des Mullah wird eine Pause eingelegt,mit der landestypischen Nelkenzigartette, der Kretek.

Und spätestens nachmittags beim vierten Ruf des Mullah, ist die Feldarbeit für den Tag beendet. Die Wasserbüffel werden nach Hause getrieben und die Felder verlasssen.

Kerbau auf dem Heimweg
“ayo! pulang kampong!” könnte er sagen – aber man hört nur “schhh, schhh”

Nachbarn

Wo man hinsieht, GrünGrün. Wir können uns nicht satt sehen. Wenn man dann noch ein bisschen Glück hat, kommen die eigentlichen Bewohner der südlichen Küste Javas (Samudra) zum Vorschein.

Die kleinen …

Flugdrache
Flugdrache beim morgendlichen Signalisieren (fragt nicht wem und nicht was …)

und die großen …

Waran im Garten
unser Nachbar …

Der Eindruck ist irgendwie – paradiesisch.

Realitäts-Check

Ohjeh, so kann nur ein hoffnungsloser Romantiker schreiben.

Ihr habt sicherlich den Abfall bemerkt, über den der Waran hinüber schleicht (zugegeben, auch das ist eine prima Futterquelle). Der Kanal, der vor unserem Zimmer vorbei läuft, muss regelmäßig von den Bauern inspiziert werden, da sich immer wieder Müllreste verfangen und das Wasser aufstauen, das eigentlich die Felder fluten soll. Würde es hier nicht so wunderbar alles zuwuchern, würde man die Dreck unangenehm wahrnehmen. Aber warum soll das in Indonesien anders sein, als überall auf der Welt?

Fünfmal täglich dröhnt eine stereophone Kakophonie über die Felder, ausgehend von zwei wetteifernden (?) Moscheen. Aber es ist eigentlich nicht der Ruf des Mullahs zum Gebet. Es gibt jetzt live aus der Moschee, via Mikrophon und Megaflüstertüte, die Übertragung der Kinder-Koran-Stunde.  Tourismusfördernd (für den westlichen) erscheint uns das nicht.

 

Die einzigen weißen Touristen entdecken wir bei einem Spaziergang am Strand Pelabuhans, konzentriert in einem Surfer-Camp, umhüllt vom ohrenbetäubenden Rauschen der Brecher der Samudra-See, die gnädig die Muezzingesänge schlucken.

Wellen in Pelabuhan Ratu
immer noch schön und doch so gefährlich. Nyai Loro Kidul lauert immer noch auf Badende in grüner Kluft. Die Strömung ist nicht ungefährlich und die Felsen ebenso

 

Unverändert wie vor 40 Jahren! So wie so vieles hier. Sprachlos in Pelabuhan Ratu …

Der Abschied aus Pelabuhan fällt uns schwer, ein spektakulärer Ort.

“Sampai ketemu lagi!”

(Bis wir uns wiedersehen)

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