Niemandsland – wie wir das Ende von Google erreichten

Auf ins Niemandsland

Wir brechen am nächsten Morgen wieder auf. Unser heutiges Ziel: Lubuk Linggau, dem Ort, der uns Glücksrittern neue Chancen und Reichtum verspricht.

Zu Fuß (wie sonst) zurück, vorbei an unserem alten Vertrauten “7up-nenas”. Komisch, Rückwege sind immer kürzer, vermutlich weil man dann keine Unterkünfte abklappern muss.

7up
kommt einem irgendwie bekannt vor, wenn man in Jakarta unterwegs war
tugu kecil
einer der seltenen Augenblicke – ein O-jek Fahrer sieht uns nicht – Dank tugu kecil (so heißt das Monument offiziell)
Hauptstraße Prabumulih
Der Basar findet hinter den Autos statt – es wird gerne auch mal in dritter Reihe geparkt.

Nach einer kurzen Einkaufstour entlang des Straßenbasars in Prabumulih erreichen wir den Bahnhof.

Stasiun KA Prabumulih
funktionaler Bahnhof in Prabumulih, Südsumatra

Ungewöhnlich. Hier erwartet man uns beim Abfahren? Normalerweise gibt es ein “Empfangskommando”, wenn man ankommt: Taxler, O-jekfahrer, Tourguides, Verkäufer, Neugierige und/oder nur zufällig Herumstehende. Hier “kümmert” man sich um uns, als wir abfahren wollen. Der freundliche Herr geleitete uns zum Ticketschalter, um Peters Indonesisch geflissentlich ins Englische zu übersetzen?

Unglaublich, aber wirklich wahr

Im Bahnhof geschieht das Unfassbare:
Ein Reisender bringt ein Dutzend (=12 Stück, gebündelt zu zwei Sixpacks) Ananas in die Wartehalle.

“Es gibt sie! Es gibt sie! Wo ist der Fotoapparat?! Schnell …. “

und verschwindet damit sofort im Zug nach Palembang, ohne das es zum Beweisbild kommt. Zu langsam, zu viele Menschen. Aber Prabumulih ist rehabilitiert. Es gibt hier 12 Ananas und wir haben sie gesehen. Die Fahrt hierher war es wert.

Ananasmann
wir sind uns nicht mehr ganz sicher – entweder rechts oder links unter dem Pfeil befindet sich der Mann mit dem Dutzend Ananas

“Eigentlich können wir jetzt wieder heimfahren!”

sonst nur das übliche Gedöhns am Bahnhof:

 

Ich kassiere den nächsten Rüffel, da ich wieder mal Bahnanlagen fotografiere. Ich gehe vermutlich als “Matahari” Indonesiens in die Eisenbahngeschichte ein.

Prabumulih Bahnhof
da steht er – bereit zur Abfahrt ins Ungewisse

Im Niemandsland

Das Niemandsland hat klingende Namen, wie Prabamulih oder Lubuk Linggau, aber je malerischer die Namen sind, umso weniger halten sie ihr Versprechen. Wir haben diese Orte besucht, einmal weil sie auf unserer Reiseroute lagen. Wir wollten das sagenhafte Bengkulu besuchen. Eine Stadt an der Westküste Sumatras, in der Kolonialzeit ein Stützpunkt der Engländer, ein Gegenentwurf zu Malakka, ein strategischer Schachzug im Kampf um die begehrten Rohstoffe Pfeffer und Kautschuk.
In den Memoiren von Sofia Raffles, Stamfords zweiter Frau, beschreibt sie die beschwerliche Fahrt nach Bengkulu und dass Raffles eine Straße von Palembang dorthin geschaffen haben soll (ich hoffe meine Erinnerung täuscht mich nicht, denn wir haben die Memoiren hier nicht zur Hand). Unter uns: Wahrscheinlich war diese Straße bereits vorhanden und Raffles war “nur” der erste, der sie kartiert hat.
Genauso machen wir es auch, nur noch einen Tick einfacher. Kein Kompass, kein Theodolit, kein Bleistift, kein Papier … nur ein einfacher GPS Datenlogger, für den wir digitalen Saurier auch schon ausgelacht wurden.

“Wer braucht den so was? Ist doch alles schon in Google!”

Endlich können wir nachempfinden, wie sich die Entdecker neuer Welten fühlten: Der Blick auf die Karte verrät nichts. Keine Straße, keine Orte, keine Welt. Schluss, Ende, Aus!
Wir dachten bisher immer: Da haben wir es aber einfach heute. Ein Blick in openstreetmap, google maps und Konsorten, dazu GPS und Funknetzortung einschalten und alles ist paletti. Ha! Falsch gedacht. Die Zugstrecke nach Lubuk Linggau fehlt bei Openstreetmap! Ja richtig gelesen. Nichts, nada, niente, oder wie wir hier so gern sagen: Kosong! Habis! Probiert die ebengenannten Links nur aus. Und Google hat den Bahnhof und die Gleise falsch gesetzt.

“Ab in die Puschen, Pferde satteln und Leinen los zu neuen Ufern, unbekanntes Terrain”

Bahnfahrt nach Lubuk Linggau

Der Vorteil von Südsumatra ist eine Bahnlinie, die einige, zu wenige, Orte miteinander verbindet und so das Reisen komfortabler und abwechslungsreicher macht. Denn wenn man mit der Bahn im Land unterwegs ist, hat man ein zusätzliches Verkehrsmittel zur Auswahl und man muss dieselbe Strecke dann nicht zweimal fahren.
Die Zugfahrt ist zwar auch kurvig, aber Gleise lassen sich nur mit wenig Neigung verlegen, sprich nur geschickt in reliefiertem Gelände. Es gibt keine nennenswerten Höhenunterschiede zwischen den angefahrenen Stationen.

Trotzdem ist die Strecke wesentlich spannender als die gestrige nach Prabumulih. Kurvig, Blick auf Berge, teilweise (endlich) naturnahe Wälder, Brandrodungsinseln, tolle Flüsse mit schönen Eisenbahnbrücken.

Diesmal sitzen wir etwas enger mit einem Zugmitarbeiter (Pak Hamid) und einem jüngeren Indonesier in einem 6er Abteil. Die ersten 3 Stunden bis nach Lahat verbrauche ich mein kompletten Wortschatz an Indonesisch. Sehr lustig, sehr informativ, sehr anstrengend, da wir uns keine Pause gönnen und uns komplett austauschen (angefangen von Bestattungsregeln in Sumsel über berühmte Spezialitäten in Palembang bis hin zu Kohleabbau in Lahat und nicht zu vergessen, der Ausbau der Eisenbahnstrecke von Bandar Lampung nach Palembang und Lubuk Linggau – Puh, seid froh, dass ich nicht mehr alles weiß, was ich gesagt habe und dass ich schon gar nicht alles aufschreibe was er gesagt hat)

Die letzten vier Stunden nach Lubuk Linggau sind ein Erholung. Diese Strecke können wir jedenfalls ohne zu zögern empfehlen.

Gunung
dieser berühmte Peak heißt Gunung Pilem Jega, benannt nach Wilhelm Jäger, dem Erfinder der Pickelhaube – eine weithin sichtbare und markant topologisch wichtige Orientierungsmarke in Sumsel (aber glaubt nicht alles was im Internet zu lesen ist)

 

Bahnstrecke
long and winding track
Dschungeleisenbahnbrücke
Blick zurück, kurz vor der Ankunft in Linggau

Lubuk Linggau

Unter Kennern nur kurz Linggau genannt, ist ebenfalls ein Straßendorf.

Verkehr in Linggau
Schönheit liegt bekanntlich immer im Auge des Betrachters – tja … einfach weiterscrollen

Und man höre und staune. Hier fehlt nicht nur die Bahnlinie, sondern auch ein paar Straßen (nicht real – virtuell). Dies führte dazu, dass wir uns hoffnungslos verliefen, als wir aus dem Bahnhof auf die Straße traten. In der Annahme, dass die Bahnlinie parallel zur Straße läuft, hatten wir einen heimtückischen 90° Dreher im Kopf (und jeder der sich gern verläuft, weiß, dass die 90° Dreher die übelsten Verwirrungen erzeugen). Dank der großen Moschee, Indomaret und mindestens zwei Marktfrauen fanden wir jedoch in die wirkliche Welt zurück und konnten erschöpft unser Hotel finden (Hotel City – diesmal vorgebucht).

Moschee Linggau
markant, prächtig und in vielen Farben angeleuchtet

Hier blieben wir eine weitere Nacht, obwohl Linggau außer einem schönen Fluss, hinter dem Hotel, nicht offensichtlich etwas zu bieten hat.

Sungai Kelingi
Highlight in Lubuk Linggau – Blick von der Terrasse (=Parkplatz) des Hotels

Den Nachmittag verbrachten wir im Hotelzimmer (Flachbildschirm – ist hier ein Qualitätsmerkmal) und verfolgten die Aktionen, die derzeit Indonesien in Atem halten (Stichwort ist “Aksi 4. November”).

TV Buneran BI
Blick in den Flachbildschirm – Aktion 4. November am Kreisel Bank Indonesia – live

Die Ausschreitungen wurden tatsächlich live übertragen. Auch uns beschäftigen diese Vorkommnisse und es ist schwierig sie objektiv einzuordnen. Unsere direkte Umgebung beteuert jedenfalls, dass wir hier in Sumsel solche Unruhen nicht zu befürchten haben. Dennoch meinen wir, dass die Thematik der Blasphemie nicht ganz eindeutig ist. Erstaunt sind wir über die Dominanz der Exekutive, sowohl im Judikativen als auch im religiösen Bereich. Tja, in einer jungen Demokratie wie Indonesien befindet sich viel im “Proses”, wie wir hier so häufig hören.

Im Bus nach Bengkulu

Am nächsten Morgen starten wir mal wieder ohne Buchung los.

Gegenüber ist eine Treppel-Agensi (alles was hier ein F beinhaltet wird als P gesprochen und manchmal auch geschrieben).

Tiket ins Glück
Tiket ins Glück – Wir pahren mit dem Bus

Alles äußerst easy. Ein Anruf genügt und wir sind dabei:

“Sepentar lagi”
(Jeden Moment!)

Nach gemütlichen 30 Minuten …

Warten auf den Bus
Treppel Ajensi – d’Cheffin und ihr Mann (links) warten mit uns auf den Bus

weiteren 30 Minuten …

Tratsch mit Nachbarin
… kleiner Plausch mit der Nachbarin, schließlich muss man auf dem Laufenden bleiben – es passiert ja so viel hier in Linggau … neulich z.B.: Zwei orang bule auf dem Weg nach Bengkulu …

hält ein großer Reisebus, halb leer, mit komfortabler Beinfreiheit und nimmt uns mit.

Im Bus überwindet man einige Hügel und kleine bis größere Berge. Die sehr schmalen Straßen, auch wenn sie gelegentlich großtrabend Sumatra-Highway genannt  werden, werden zu einer aufregenden Berg-und Talfahrt. Der Bus ist nicht so wendig wie ein PKW, sodass an manchen Kurven der Gegenverkehr stehen bleiben muss, damit wir in unser Gefährt die Serpentine herumgekurbelt bekommen.

Serpentinen
Serpentinen heißen hier viel treffender jalan ular (Schlangenstraßen) – Obacht! Kollege kommt entgegen!

In Deutschland gibt es ein Straßenschild, das bedeutet “Bankette nicht befahrbar”. Das Schild  gibt es hier nicht, befahrbar ist die Bankette deshalb noch lange nicht. Viele Straßen sind mit neuem Asphalt aufgedoppelt, sodaß an den Fahrbahnrändern der Unterschied zum Ungeteerten mehr als 15 cm Fahrbahnhöhe betragen kann. Für Busreifen verschleißend, für manch kleinere Radgrößen besteht die Gefahr des Aufsitzens und damit weiterer Schäden. Liegengebliebene Autos sieht man während der ganzen Fahrt, besser jedoch als komplett verunfallte.

Verkehrshindernis, Sumatra Selatan
Erdrutsch und Bankette futsch – es gibt hier einen Ausdruck: “cari uang” (Geld suchen) -> Fahnen besorgen, Verkehr durchwinken und Kleingeld einsammeln

Auch diese Fahrt war wirklich spannend. Busfahrer, Beifahrer und später auch noch der zweite Fahrer (nickerte hinten im Bus, wie eine Katze zusammengerollt auf den Gepäckstücken) waren alle drei wie überzogene Spannfedern drauf. Nur am Rumblödeln und Witze reißen, während sie Kette rauchten und gelegentlich aus einer alten Bir Bintang Flasche starken Kaffee tranken. Übrigens die erste Bir Bintang Flasche, die wir auf unserer Reise durch Sumsel gesehen haben. Kein Wunder, sie kommt ja auch, wie der Bus aus Jakarta (wo es Bier gibt). Sie versicherten uns glaubhaft, dass wirklich nur Kaffee drin ist und nicht etwa Bier. Worauf wir zum Thema Tuak (Palmwein) kamen. Den gibt es hier schon auch, aber man muss wissen wo. Dann wollten sie wissen, ob ich eine Frau habe (seid ihr blind Jungs?). Hier, neben mir! Ah, sie dachten ob ich vielleicht fünf weitere hätte, in Deutschland oder so. Normalerweise sitzt Evi, schweigend, bei solchen Unterhaltung dabei und hört einfach nur zu. Meist will dann mein Unterhaltungspartner wissen, ob Evi Indonesisch spricht und ich sage, dass sie es versteht, aber ein bisschen “malu” (schüchtern) ist, es zu sprechen. Dann denken alle, sie kann es nicht und unterhalten sich mit mir. Jedenfalls, nach der Fünffrauenfrage meint unser Busschaffner/beifahrer, er hätte fünf Frauen.

Evi mit nur einem Wort:

“Mimpi!”
Träum! (Da träumst Du davon!)

Riesengelächter von den Kollegen. Der Tag ist gerettet! Alle sind gut drauf. Eine spaßige Fahrt nach Bengkulu, das nach einer weitere Bergkette des Barisan Gebirges auftaucht und wir beim Busdepot ausgespuckt werden.

Wie schon gewohnt, laufen wir zu Fuß (bei Sonnenschein) gut gelaunt zu Fuß zu unserem Hotel am Pantai Panjang, dem berühmten “langen Strand” in Bengkulu.

der lange Strand, Bengkulu
Pantai Panjang – den bisher längsten Strand, den wir gesehen haben