Gado-Gado Jakarta (Teil 1)

Eigentlich ist “Gado-Gado Jakarta” der Titel eine Liedes über ein indonesisches Gericht (Essen) aus Jakarta. Aber Gado-gado heißt auch Gemischtes, Sammelsurium. Nun bei dem Gericht handelt es sich ja auch um gemischtes Gemüse …

Alles begann mit einer Verspätung:

Durchsage des Flugkapitäns.

Jakarta heißt uns Willkommen

Jakarta empfing uns mit all seinem Charme, den es aufbringen konnte. Kaum stiegen wir aus dem Flugzeug, umwaberte uns schon im Rüssel der Landebrücken die Wärme.  Jedes Stück Stoff, das man an sich trägt, wird sofort weicher.

Man schnauft ein und die Synapsen beginnen zu tanzen. Es liegt ein Hauch von Süße, ein bisschen Abgase (Zweitaktergemisch), aber auch Palmöl mit Gula Merah (rotem Palmzucker) in der Luft. Irgendwo raucht jemand am anderen Ende des Flughafens eine Kretek (Nelkenzigarette).

Man darf sich das nicht aufdringlich vorstellen, es sind vielmehr nur Duft-Moleküle, die die Phantasie auf Trab bringen. Aber Achtung, diese Luft ist nicht so zu genießen wie ein tiefer Zug frischer Bergluft auf der Alm. Nein, nein! Vielmehr, warme Luft muss man flacher einatmen, so wie man einen etwas überreifen Dessertwein vorsichtig schlürft.

So vollgesogen durchkreuzt man dann die diversen Administrasi Abteilungen, holt seine Gepäck und verlässt das Gebäude.

Jakarta kann auch anders

Busterminal am Flughafen

Jakarta begrüßt uns mit einem Nachsatz, einem ersten, heftigen Gewitter noch auf dem Weg zum Busterminal, der ganz am Ende des Flughafengebäudes wie ein Blinddarmwurmfortsatz sein Dasein fristet. Donner sind in Indonesien lauter, heftiger und nachts viel bedrohlicher als bei uns. Die Landung erfolgte noch in der Dämmerung, jetzt ist es stockfinster.

Hier im Schäm-Eck (öffentlicher Nahverkehr – ha!) taucht man aber am besten in Jakarta ein: Ein offener Wartesaal, mehrere Reihen Sitzbänke, ein Flatscreen-TV über den Köpfen der Wartenden, nein, nicht mit einer Anzeige, wann die nächsten Busse auf welcher Spur abfahren, sondern TV-One, der hiesige Nachrichtenkanal, mit den ersten Berichten über Korruption, Unfalltoten und Unmengen Werbung (wie die hellhäutige, junge, gutaussehende, indonesische Mutti ihre Familie mit bester Dosenmilch, Fertig-Backmischung, Putzmitteln in den Griff bekommt).

Die einfahrenden Busse werden lautstark von Busbegleitern und Busstationsvorstehern angekündigt.

Unbeeindruckt von Sturm, Gewitter und Blitzen schreien sie die Busziele herüber zur wartenden Menge. Im Anschluss wird dies nochmals von einer Damenstimme aus dem Off freundlich über Mikrofon wiederholt. Dann stürzen sich einige Wartende in Richtung der Busspuren, um hier enttäuscht wieder auf ihre Plätze zurückzukehren, da weder die eine noch die andere Durchsage gut verständlich war und so ein paar Missverständnisse ermöglichten. Da es untersagt ist die Koffer-Trolleys mit zu den Busspuren zu nehmen, bleibt ein chaotisches Trolley-Metall-Gestrüpp genau am Durchgang zurück, über das sich alle hinwegkämpfen müssen (ist jetzt ein bisschen übertrieben, denn alle 10 Minuten, kommt ein Trolleybeauftragter, der alles wieder entwirrt und aufräumt).

DAMRI Busterminal
Orientierungslos in Sukarno-Hatta International Airport

Wir kaufen am DAMRI-Schalter (DAMRI = Busgesellschaft, deren Name eine Abkürzung bigt … irgendetwas mit Republik Indonesia = RI  am Schluß) zwei Tickets zum Blok M, dem zentralen Ort Süd-Jakartas, mitten im Stadtteil Kebayoran Baru. Ja auch wir irren hin und her:

“Ist das der Bus?” “Nein?” Okay, zurück.

“Ist dies der Bus?” “Nein?” Schon wieder nicht? Noch ein bisschen warten

“Vielleicht der?” “Nein?” 20 Minuten …

Derweil gehen viele Busse raus. Ja, Jakarta ist groß.

Fahrt nach Jakarta

Im Regen geht die Fahrt entlang der Mautstraßen. Bunte Billboards spiegeln sich in den Tropfen der verregneten Fenster und der Aircondition bläst einem in den Nacken.

Nach einer knappen Stunden erreichen wir, ohne Stau, Blok M. Werden ausgespuckt und stehen, zum Glück überdacht, an einem Bussteig. Der Regen prasselt noch immer.

Orientierungslosigkeit (bis jetzt noch nicht wirklich gewichen, ist aber auch nicht schlimm). Unser Plan zu Fuß zu unserer AirBnB-Unterkunft zu gehen, ist wortwörtlich ins Wasser gefallen. Also versuchen wir es mit einem Taxi (Bluebird – d i e vertrauensvolle Marke, die man in Jakarta kennt – interessanterweise scheint die Farbe blau für Vertrauenswürdigkeit zu stehen, denn viele Taxis, auch die weniger vertrauenswürdigen, sind blau gefärbt – vermutlich geht das auf die alt- und allseits bekannte Blau-Band-Margarine des vergangenen Jahrhunderts zurück, aber ich schweife ab). Wie es der Zufall will, kommt ein Bluebird-Taxi um die Ecke gebogen und ist auch noch frei. Wir winken und es hält.

“Selamat Malam” wir wollen zu Jl. Pulo Raya Nr. soundso.

Freundlich lächelnd winkt der gute Mann ab:

“Banjir!” (Überschwemmung!)

Man denkt immer, Vulkanausbrüche (siehe kürzlich Rinjani auf Lombok), Erdbeben, Demonstrationen (seit Indonesien demokratisch ist, wird dieses Recht häufig in Anspruch genommen), zumindest Stau oder irgendeine andere Naturkatastrophen sind das große Problem Indonesiens. Nein, das Problem heißt “Banjir”. Jakarta säuft regelmäßig ab. Im Großen wie im Kleinen. Aber wir wären nicht in Jakarta, wenn es dafür nicht eine Lösung gäbe. Der Taxifahrer bringt uns bis zur Wasserlinie. Ab dann müssen wir zu Fuß weiter.

Kebayoran Baru

Bei Nacht, bei Regen, in einem Viertel, wo wir uns nicht (mehr) auskennen. Das Wasser ist an der tiefsten Stelle vielleicht knietief und trennt uns vermeintlich von unserer Unterkunft nur wenige Meter.

Schuhe, Socken (wie kann man nur Socken in Jakarta tragen) ausziehen, Hose hochkrempeln, Sachen über den Kopf halten. Ein paar Passanten machen es uns vor. Nichts für uns. Wenn wir da irgendwie hinfallen (und ich bin dafür bekannt, dass ich hinfalle) liegt unser ganzes Klump im Wasser (Laptops, Fotoapparate, Reisepässe).

Plan B

Da hilft nur eins. Wir schicken eine sauteure Roaming SMS an unsere Hauswirtin. Und das mit unserem nagelneuen Smartphone, das ein Segen und zugleich ein Fluch sein wird. Yeah! Man muss sich nur zu helfen wissen! Also das Ding rausgekramt. Alles bei Regen, vor einem übergelaufenen Abflußkanal, untergestellt in einer Baustelle, gemeinsam mit mehreren Kakerlaken und einer Ratte. Mein erster Versuch eine SMS mit Hightech zu verschicken. Eine gefühlte halbe Stunde später. SMS ist raus.

Eine Minute darauf, begrüßt uns unsere ausgesprochen nette Vermieterin mit Schirm, Charme und ihrer Haushaltshilfe. Sie tauchten aus dem Nichts auf und waren tatsächlich nur 10m von uns entfernt. Wie sich herausstellt, stehen wir vor ihrem Grundstück und die Überschwemmung ist bedingt durch das unterdimensionierte Abwassersystem Jakartas. Genau eben hier, neben dem eigentlichen Abwassergraben, was zu einer Überschwemmung führt.

Kein Problem, wir nehmen den Hintereingang. Durch ein Gewirr an in sich verschachtelten Häusern gelangen wir zum ausgebauten Gartenhaus, das nur durch den Gartenzaun getrennt einen exklusiven Blick auf die überschwemmte Straße bietet.

Alles Bestens!

Wir sind da, sind froh dass alles so reibungslos hingehauen hat und freuen uns auf unser Bett (Vorsicht, beim reinsteigen, sonst rutscht man auf den kleinen Wasserlachen, die sich in den Ritzen der Fliesen gebildet haben aus).

Wir haben schon lange nicht mehr so gut geschlafen.

Okay, der Sound ist miserabel, aber es war wunderbar, auf diese Art am nächsten Morgen geweckt zu werden.