Thaipusam – Fest des heiligen Schmerzes

Umzug der Gottheit Muruga

Das hinduistische Thaipusamfest dauert drei Tage lang und beginnt hier in Penang mit dem Umzug der Gottheit Muruga (der für die Tamilen eine Art Nationalheiliger ist). Dazu wird er in einem kleinen mobilen Tempelwagen, der von Kühen gezogen wird, von seinem Haustempel in der City Georgetowns (=Penang) zu einem am Stadtrand gelegenen Tempel, namens Nattukkotai, transportiert.

Das geht na klar nicht einfach nur so von A nach B, sondern dazu muss die Straße mit dem Inhalt Tausender Kokosnüsse gereinigt werden. Entlang der Strecke stehen nur für diesen Zweck aufgebaute kleine Altäre (wie bei uns an Fronleichnam) an dem der Wagen halt macht und die Gläubigen ihre Opfergaben segnen lassen. Alles läuft, für unsere Augen, total chaotisch ab. Alle drängen sich um den Wagen und halten ihre Schalen, gefüllt mit Kokosnüssen, Bananen, Reis, Milch, Räucherstäbchen und was auch immer noch, hoch zu den mitfahrenden Assistenten des Priesters, der seinen Segen spricht und die Gaben anschließend wieder zurückgibt.

Traveler Digital Camera

Da es hier in Penang derzeit mittags locker über 30° (gerade hat es 32 – gefühlte 39 Grad Celsius) heiß wird und bei Sonnenschein einen der Teufel holt, beginnen unsere Unternehmungen meist erst am Nachmittag oder ganz in der Früh. Wenn aber große Feste angesagt sind, dann hat man keine Wahl.

Zielpunkt

Am Zielpunkt der Götterreise, auf dem Hügel des Partnertempels, dröhnt unterschiedliche Musik aus zahlreichen Lautsprechern, Hip-Hop, Bollywood, Rock. Das alles bei der größten Mittagshitze und alles dampft und schwitzt vor sich hin. Es gibt noch extra für diese Feier aufgebaute Getränke- und Essensstände, an denen sich die Gläubigen und Helfer kostenlos verköstigt können. Die Inder sind so großzügig und haben auch uns eingeladen, was wir jedoch dankend abgelehnt haben, schließlich sind wir ja nur Zuseher und keine Teilnehmer.

Nachdem der gute Lord Muruga am oberen Tempel um Mitternacht angekommen ist, beginnt das eigentliche Thaipusamfest. Auf ca. 2km Länge sind Stände aufgebaut, die die verschiedenen Tempel der Gegend, aber auch Firmen, Schulen, Vereine etc. repräsentieren. In den Ständen, teils auch große Zelte, können sich Gäste derselben ausruhen oder eine Erfrischung zu sich nehmen. Und wer was auf sich hält, der hat für Musik gesorgt. Und damit der Nachbarstand ihn nicht übertönt, sind entsprechende Verstärkeranlagen und riesige Boxen platziert, um die im Laufe der Feier vorbeiziehenden Gläubigen zu einem Tänzchen zu verleiten.

Schmerzfrei

Es ziehen nämlich im Verlauf der Nacht und des darauf folgenden Tages außer unzähligen “normalen” Gläubigen, auch Wallfahrer vorbei, die sowohl ihre Backen und Zungen mit spitzen Eisennadeln durchbohrt haben als auch mit einem Gestell auf ihren Schultern tragend verbunden sind. Und wenn der Sound gut und laut ist (und laut ist es wahrlich), dann wirbeln diese Wahnsinnigen mit ihren Aufbauten um die eigene Achse und tanzen wie Derwische. So standen wir sprachlos (denn selbst wenn wir etwas sagen wollten, überdröhnte das Wummern der Boxen alles andere) am Rande des Geschehen.

Zum Glück, gab es dann doch Lücken zwischen diesen indischen Open-Air-Discotheken und wir konnte dort verschnaufen, ein paar Worte wechseln bevor wir weiterzogen. Es ist aber nicht so, dass wir hier allein unterwegs waren. Es ist ein Geschiebe und Gedränge, das uns teilweise an die Wies’n in München an einem Samstagabend erinnerte.

thaipussam_1

Nicht vorzustellen, wie es hier beim Fest mittags bei voller Hitze zugeht. Nach 3 Stunden Fußmarsch (Wiesntempo) haben wir dann endlich ein offenes Restaurant am Wegesrand gefunden, wo wir tatsächlich von unseren Plätzen aus auf den Zug sehen konnten. Mittlerweile war es schon dunkel und die Gestelle waren beleuchtet.

Der Zug der Gläubigen wird dann von zwei großen Figuren, der erste stellt den Elefantengott Ganesha und der zweite besagten Lord Muruga dar, beendet. Jeder ca, drei,vier Meter hoch und auf Rädern. Gezogen von drei Männern, die sich im wahrsten Sinne des Wortes vor diese Wagen einhaken. Denn jeder dieser Zugmenschen ist mit ca. 20 bis 30 Seilen vor den Wagen gespannt, wobei sie das andere Seilende an Haken in ihrer Rückenhaut hängt (Autsch!). Alles ohne Blutvergießen dank Lord Muruga!

Ein Volksfest, wie wir es noch nicht erlebt haben. Musik, die so laut aus den Boxen dröhnt, dass sie einem die Därme im Körper durcheinander wirbelt. Menschen, die richtig Spaß am Tanzen haben, alles sehr lebensfroh und extrovertiert. Kurz es war einfach toll!

Am dritten Tage …

Am dritten Tag muss Lord Muruga selbstverständlich wieder nach Hause. Und wir hatten Glück, gleich am Eck vorne in unserer Hotelstraße sollte er vorbeikommen. Da dieser Teil des Umzugs zurück in seinen Muttertempel ziemlich am Ende der Strecke lag, sagte man uns, dass er vermutlich ab Mitternacht vielleicht um 1 Uhr hier eintreffen würde. Nachdem der letzte Tag schon so eine Rennerei gewesen war, waren wir ganz froh, dass am unserer Ecke ein kleines Mäuerchen zum Sitzen einlud und wir so gemütlich das Eintreffen abwarten konnten. Um 00:30 haben wir Platz genommen und dem nächtlichen Treiben zugesehen. Es wurden immer mehr Menschen. Die Frauen, schick gekleidet in Saris und perlbestickten Kleidern, oft mit Highheels oder Barfuß mit Glöckchen um die Fußfesseln. Die Männer weniger schick, aber alle ordentlich gepflegt, meist weiße Hemden; die traditioneller gekleideten mit knielangen, geschlitzten, am Kragen gestickten, Hemden. Dazwischen die Jugend auf ihren Mopeds. Das ganze wirkte wie ein Laufsteg, auf dem man sich präsentiert, evtl. die eine oder andere Liebschaft angebahnt wird, aber nur so ein bisschen, da meist eine Anstandsdame oder ein Aufpasser die verschiedenen Gruppen begleitete. Sehr unterhaltsam!

Um 1:00 Uhr platzierten sich div. mobile Fressbuden am Straßenrand. Schaut zunächst aus, als würde ein Kleinstlastwagen am Straßenrand halten. Dann klappt er die drei Seiten auf und drinnen ist eine komplette Küche mit Wokbrenner oder eine Milchshakebar für Juices, Shakes, cold drinks etc. und man kann sich seinen Mitternachtsnack zubereiten lassen. Na klar alles ohne Alkohol! Denn der wird hinter der Fassade konsumiert, wie die zum Teil geleerten Whiskyflaschen an einem Müllcontainer dokumentierten.

Müde wie wir waren, harrten wir bis um 2 Uhr aus, als erste Silvesterraketen das Nahen des Zuges ankündigten. Derweil war die Straße gefüllt und wir waren dankbar unsere Steinmauer zu haben, die wir mittlerweile mit einer indischen Familie teilten.

Der gute Lord Muruga ist nicht sehr pünktlich. Er erschien um halb vier in der Früh! Zuvor wurden wieder Kokosnüsse zerdeppert, um seinen Weg zu reinigen. Danach kam einen Putzkolonne, die selbige aufräumten, denn bei den Unmengen an zerschlagenen Kokosnuss-Schalen holpert es sich so schlecht drüber. Er selbst, recht unscheinbar klein, in einem hell erleuchteten Wagen mit Kuppel, zog schnell an uns vorüber, begleitet von heiligen Gesängen einer kleinen Gefolgschaft von Priestern.

thaipussam_3

Und vorbei war der Spuk der drei Tage Thaipusam.

Gin Tonic zum Abschluss

Zurück in unser Hotel um 4 Uhr früh haben wir uns dann erst mal einen Gin Tonic gegönnt. Den nächsten Tag haben wir unsere platt gelaufenen Füßen und platt gesessenen Hintern regeneriert. Die ganze Reise haben wir in einem e-Book veröffentlicht, der Schwerpunkt ist die Erkundung der Insel Penang mit dem grandiosen öffentlichen Bussystem “Rapid Buses”. -> Amazon link