Tonight! Muay Thai!

Die dunkle Seite Thailands! Die dunkle Seite in mir. Tief in jedem lauert es, das Tier Mensch!

Muay Thai

Thai Boxing

„the most devastating martial arts“ (Durchsage des Promotiontruck des Patong Boxing Stadium)

Da praktiziert man seine pazifistische Lebensweise seit nun knapp 40 Jahren. Lehnt jedwede physische und psychische Gewalt prinzipiell ab. Ist selbst mit der passiv reaktiven Methode der brutalen darwinistischen „survival of the fittest“- Lebensweise nur gezwungener Maßen einverstanden. Und dann das! Muay Thai!

Boxen mit Händen und Füßen

Dabei ist der eigentliche Schlag mit Fäusten gar nicht so beeindruckend, vielmehr das Zusammenspiel zwischen Tritt-Techniken mit Fuß, Schienbein, und Knie sowie den Einsatz des Ellbogens. Saubrutal und man kann nur mit geschlossenen Augen hinschauen.

Bei unserem Muay Thai Kampfclub werden drei Runden gekämpft. Junge Männer und Frauen polieren sich gegenseitig die Fresse, ohne jegliche Rücksicht auf die feine Linienführung der bunten Tattoos die ihre Körper bedecken. Dreimal die Woche (donnerstags, samstags und sonntags) finden Kämpfe statt. An einem Abend 7 manchmal 8 Kämpfe.

Interessanterweise gibt es immer Gäste aus dem Ausland, die sich mit einem Thailändischen Kämpfer messen dürfen. Es geht nach Gewichtsklassen und ein Teil der Kämpfer nächtigt in unserem Hotel. Spannend.

Man erkennt sie im Frühstücksbereich, da sie meist allein, in sich gekehrt, an einem Tisch sitzen und entgegen jeder sportökotrophologischer Empfehlung Erdbeermarmeladentoasts in rauhen Mengen in sich hineinschaufeln.

Sie tauchen immer am Tag des Kampfes auf und sind noch einmal zum Frühstück zu bewundern. Gelegentlich possieren sie für ein Selfie mit einem Fan (mänliche Kämpfer mit weiblichen und weibliche Kämpfer mit männlichen Fans).

Sehr freundliche friedsame Sportler, mehr oder weniger mit Muskeln bepackt, die man im Anschluß auf dem Parkplatz des Hotels, welches gleichzeitig der Parkplatz des Box Stadions ist, in ihren Schwitzanzügen eine Runde nach der anderen ziehen, um die letzten Kilos für ihr Kampfgewicht herunterzuschwitzen.

Kampftag

Ob Kampftag ist, erkennt man sofort am Promotiontruck, der in der früh seinen Motor anläßt und vom Band die Werbebotschaft über große Lautsprecherboxen hinaus posaunt.

Im Laufe des Nachmittags werden dann immer mehr Touristen und Freunde des Muay Thai mit kleinen Bussen heran gekarrt und das Stadion füllt sich unauffällig.

Der Eintritt beträgt stolze 2000 Baht (ca. 50 € ). Inklusive ATK-Schnell-Test, denn auch hier läuft alles pandemiekonform. Weiterhin erhält man ein kostenloses T-shirt und man kann bei den teueren Plätzen so nahe am Ring in bequemen Schalensitzen (wie beim FC-Bayern) dem Geschehen folgen, dass man sogar den einen oder anderen Schweiß-, manchmal auch Blutstropfen der Gladiatoren zu spürt.

Wir haben das Glück, das wir nur einen Steinwurf auf unserer Hotelzimmerterrasse dem ganzen Lauschen können und, Dank dem thailändischen TV-Sender Channel 8, alles live miterleben können.

quasi ums Eck rum…

Angekündigt wird jeder Kämpfer von einem zweisprachigen Ringsprecher, der sonst auf dem Hamburger Fischmarkt Aale anpreist. Der Kampf selbst wird von zwei Kommentatoren begleitet, die, trotz fehlender Sprachkenntnisse unsererseits, unglaublich amüsant anzuhören sind.

Kampf

Jeder Kämpfer betritt den Ring mit einer Kampfhymne, bisher ausschließlich Heavy vielleicht sogar Speed Metal, zu denen er die typischen Schatten-Boxschläge ausführt und grimmig in die Kamera linst.

In der Regel wird zuerst der Gast und danach der Thailändische Kämpfer vorgestellt.

Je nachdem, ob er einem traditionellen oder modernen Boxschule angehört, finden auch noch Gebete und ritualisierte Kampftänze statt, sehr putzig.

Zu guter Letzt wird noch der Schiedsrichter angekündigt, der ein paar Worte an die Boxer richtete und „Gong“, der Kampf beginnt.

Kurz noch eine Statistik eingeblendet mit Kampfname, Boxschule, Größe, Anzahl gewonnener und verlorener Kämpfe.

Die erste Runde

Abtasten des Gegners. Hier kommen die Fernkampftechniken zum Einsatz. Treten mit den Füßen, lange Gerade mit den Fäusten, Schubsen und so’n Kram. Wehe, wenn sich hier schon eine Schwäche zeigt.

Obwohl wir am Fernseher sitzen, riechen auch wir den Angstschweiß, den der eine oder andere Kämpfer verströmt. Insbesondere, wenn er schon einen Schlag einkassiert hat und ein Auge langsam zuschwillt.

Muay Thai Kampfszene
noch steht das Härteste bevor …

Dann heißt’s, rette Dich über die Zeit zum erlösenden Gong der die erste Runde beendet.

Die zweite Runde

Kein Erbarmen! Jetzt wird zugeschlagen. Nahkampf, Clinch eng zusammen und mit dem Knie in die Flanken des Gegners. Rot angeschwollene Rippen und hoffentlich, hoffentlich langt noch die Kraft die Deckung hoch zuhalten.

Wenn nicht? Dann kommt die Geheimwaffe dieser Boxart zum Einsatz, den besonders die Thailändischen Kämpfer beherrschen: Der Ellbogenschlag.

Aus dem Sprung auf den Gegner heraus, wird er auf Kopf oder Schulter ausgeführt. Treffer! Dann fließt Blut. Der Schiedsrichter unterbricht den Kampf und der Ringarzt muss den Getroffenen kurz begutachten. Mit einem kleinen Schwämmchen wischt er Schweiß und Blut aus Gesicht und vom Kopf und gibt den Kampf wieder frei. Man meint ihn sagen zu hören:

„Paßt scho! A bisserl was geht no! Jetzt hab di ned so!“

(Ringarzt)

Weiter geht’s. Wenn es schon soweit ist, dauert’s nimmer lang. Der vermeintlich Unterlegene sieht dann nicht mehr richtig und hofft flehend auf den nächsten Gong. Dann bäumt er sich nochmal auf, wirft alles in eine Waagschale: Sprung und Tritt, gefolgt von einer kurzen Geraden. Vom routinierten Thai abgewettert und im Clinch zieht er im nochmals den Ellbogen über die Schläfe. Blut und Schweiß sabbert übers Gesicht in die zugeschwollenen Augen. Der Schiedsrichter unterbricht nochmals. Der Ringarzt wird bemüht, wischt und winkt ab. Technisches K.O.! Aus!

unterhaltsamer Kommentar zu hartem Kampf

dritte Runde

In unserem Fall hat sich das erübrigt.

Aber manchmal, wenn zwei harte Nüsse auf einander treffen, geht’s in die dritte Runde. Dann wird’s richtig hässlich.

Die Kräfte schwinden, die Genauigkeit der Treffer leidet, die Deckung lässt nach, die Muskeln brennen, die kaputt geschlagenen Nase lässt die Atmung stocken. Aber der Wille zum Sieg und die Angst vor einem knock out treiben jeden an weiter.

Dann kann es passieren, dass ein Schlag, wie zufällig sitzt: Batsch ans Kinn! Muskelpakete, Hühnen, Bäume fallen! Alle Kontrolle über den Körper ist per du! Ein nasser Sack knallt vornüber auf die Bretter.

Der Schiedsrichter springt dazwischen. Zählt an und aus! Schnell den Mundschutz aus dem Kiefer fieseln, sonst droht Erstickung.

Der Sieger reckt die Arme hoch, das Publikum gröhlt! Ein gelungener Kampf! Ende des ersten Kapitel.

Werbung!

Abgesang

Der Stadtionsprecher feixt und verkündet den Sieger des Kampfes:

Muay Thai Kampf: Bekanntgabe des Gewinners
Bekanntgabe des Gewinners

Wenn es glimpflich abgelaufen ist, stehen beide Kämpfer. Manchmal jedoch bleibt die Kamera freundlich auf Augenhöhe und zeigt nur noch einen der Beiden neben dem Schiedsrichter, während Ringarzt und Entourage des Unterlegenen den armen Hund wieder ins Reich des Bewusstseins zurückholen.

Bemerkenswert:

  • Wenn beide Kämpfer stehend den Kampf überstehen, bedanken sie sich sehr freundlich und herzlich beim Gegner und seinem Team (echte sportsmen!).
  • Muay Thai Kämpfer bluten nur nach Innen! Mythos widerlegt.
  • wir sind ein Looserhotel, denn bisher haben die Kämpfer aus unserem Frühstücksbereich alle verloren (wenn sie beim Frühstück nach dem Kampf am Nebentisch saßen, dann mit Druckverband)
Muay Thai Kampf Ende: Denaktung beim Gegner
freundliche Geste: jeder Kämpfer bedankt sich beim anderen – echte sportsmen

So! Da sitze ich nun vor dem TV, mit meinem Gin und Tonic und ein paar leckeren gedämpften Erdnüsschen. Evi fragt mich, ob ich wirklich Lust habe für 2000 Baht mir so einen Kampf real anzuschauen? Oder sagen wir selbst wenn es nur 500 Baht (12€) kosten würde?

Unter uns: Ich kauf mir lieber einen Reiskocher!

Und am nächsten Morgen Hotelliving …

Fühstücksatmosphäre im Hotel

weiterführende Informationen: