Stunde der Wahrheit – Präludium

Wenn Herr M. den Tag der Gartenvögel näher kommen sah, hatte er sich bereits ausführlich Gedanken über den optimalen Zeitpunkt seiner Beobachtung gemacht. Das Zeitfenster des Naturschutzbundes sah drei definierte Tage im Mai vor, theoretisch auch die Nacht, aber das Ziel war ja eine möglichst große Vielfalt an Vögeln zu präsentieren, und wer weiß schon wie welcher Vogel schnarcht oder murmelt? Herr M. stellte also im Vorfeld bereits Studien zur Besuchshäufigkeit der interessanteren Vogelarten an und testete verschiedene Plätze in seinem Garten bezüglich ihrer abwechslungsreichen Ausblicke in die Bäume und auf seine zwei Teiche.
Der Plan war den Beobachtungszeitraum – genau 1 Stunde – möglichst unbewegt auf einem Stuhl zu verharren.
Das hatte er sich bei Lolita abgeschaut, eine der zahlreichen Katzen aus der Nachbarschaft. Lolita war eine junge, gierige Katze mit fast komplett weißem Fell mit Ausnahme einer mandelförmigen schwarzen Stelle zwischen ihren hellen Augen. Die Haut um die Augen, die Nase und die unbehaarte Unterseite ihrer Pfoten hatten ein zuckersüßes Schweinchenrosa. Natürlich war Lolita nicht ihr richtiger Name, Herr M. hatte sie so genannt, nachdem er mit einiger Abscheu im Frühjahr beobachtet hatte, wie sie sich den älteren Katern angedient hatte. Vermutlich war sie mittlerweile sterilisiert, denn derartige Begegnungen waren seither nicht mehr zustande gekommen. Trotzdem konnte Herr M. Lolita nicht leiden, sie verursachte ihm ein peinliches Erinnern.

 

…Fortsetzung folgt