So werden Göttinnen gemacht

Das Paradies

Endlich haben wir Bali erreicht. Insel der Tempel und Götter, Insel der immerfreundlichen Menschen, Tänzer, Musiker, Maler, Schnitzer, Insel der Glückseligkeit, ach sagen wir einfach

“das Paradies”

Hierzu eine von mir seltene Empfehlung zur einstimmenden Lektüre für den nächsten Urlaub hierher: Bali – Ein Paradies wird erfunden, Adrian VICKERS, 1996.

Empfehlungen

Und wo wir schon bei Empfehlungen sind (diesmal ein positive):

Bali Hotel

Mitten in Denpasar, gleich in der Nähe des Puputan (der zentrale Platz in Denpasar), findet man das Bali Hotel.  D a s  erste Hotel am Platz, in dem Berühmtheiten wie Charlie Chaplin, Queen Elizabeth oder Mahatma Gandhi genächtigt haben, ungezählte andere, die hier neben den beiden Namen verblassen und daher namentlich nicht erwähnt werden.

Eingang Bali Hotel
Eingang zum Inna Bali Heritage Hotel (Baujahr 1927)

Es ist glücklicherweise immer noch eine Hotelanlage im klassischen Stil der indonesischen Hotels. Tolle Empfangshalle (Bauhaus lässt grüßen), daneben das offene (seufz – das werden wir vermissen) Restaurant, mit utopisch anmutenden Lampen, aus einem zu noch kommenden Jahrhundert. Das ganze Hotel breitet sich an der Jl. Veteran noch mit diversen Veranstaltungsräumlichkeiten, sowie einem Spa und uns nicht erschlossenen Gebäuden, aus. Auf der gegenüberliegenden Straße befindet sich ein weiterer offener Veranstaltungssaal, der u-förmig von Hotelzimmern eingerahmt ist. Ob diese noch genutzt werden, scheint unwahrscheinlich, aber wer weiß, ob da nicht doch ein Geist sein Unwesen treibt.

Die bewirtschafteten, auch von uns bewohnten, Hotelzimmer liegen hinter der Empfangshalle und dem Restaurant.

Hotelzimmer
Blick in die Hotelanlage mit den klassisch angelegten Hotelzimmern

Dazwischen ein Swimmingpool, der vermutlich nicht aus der Gründerzeit stammt, aber trotzdem herrlich abkühlend wirkt und gerade nachts, einen Blick auf die Sterne (sofern wolkenlos) erlaubt. Die Hotelzimmer sind riesig. Das Kingsizebett verliert sich in dem großen Raum, der sicher ein Höhe von 3 Metern oder mehr hat. Mobiliar aus dem 80er Jahren, genauso wie der 80 l – Kühlschrank, Flachbildfernseher (Bild trotzdem verrauscht), große Flügeltür und -fenster mit Kreuzen. Jedes Zimmer hat eine kleine gemauert abgetrennte Terrasse mit zwei Stühlen und Tisch. Fantastisch. Kaum Gäste. Das Verhältnis Personal zu Gast dürfte bei 4:1 liegen (während wir da waren). Der Preis betrug ca. 25€ inklusiv einem kleinen Frühstück für uns Beide!.

Heute gehört dieses Hotel der Hotel Indonesia Group an, und firmiert unter dem Namen “Inna Bali Heritage Hotel“.

Inna

Inna, das ist ein Name, der uns schon lange in Indonesien begleitet. Das ganze beginnt eigentlich in Jakarta. Hier hat der erste Präsident mit dem Hotel Indonesia (wie üblich in Indonesien einfach mit HI abgekürzt) schon 1962 ein Zeichen setzen lassen. Für mich, als Kind, war das HI etwas ganz besonderes. Es gab in den späten 70er Jahren einen deutschen Koch, der hier einen Frühschoppen einführte und es gab deutsches Essen (ich meine mich an Brezen zu erinnern und sowas wie Leberkäs).

Samdura Beach Hotel

Eines der ersten großen Höhepunkte meiner touristischen Gast-Laufbahn war das Schwesterhotel in Pelabuhan Ratu, das Samudra Beach Hotels (SBH).

Hotelansicht von Pool aus
Blick auf das moderne Design des Inna Samudra Beach Hotels (Baujahr 1962)

Ein modernes Hotel, viele Stockwerke hoch, ein riesiger Pool mit (!) Fontäne zwischen Kinderpool und Schwimmerbecken.

Pool
Die Fontäne (hier leider außer Betrieb) zwischen den Becken war ein stundenlanger Zeitvertreib für uns Kinder (na klar war das eigentlich verboten – aber als Hotelgast ist man König – auch als Kind)

Ein offenes Restaurant unter einem spacigen Spannbetondach mit Blick auf das wilde Meer. Das interessierte mich damals ehrlich gesagt weniger, dafür viel mehr die Möglichkeit Spaghetti Bolognese zu essen (das war in den ausgehenden 60er/ frühen 70er Jahren) und eine Schaukel!

sw Peter schaukel
man beachte den Hintergrund mit dem modernen Spannbetondach, unter dem es damals, wie heute “western style dishes” gab

Das Hotel war mit den modernsten Facilities ausgestattet (ist es heute auch noch).

Fahrstühle
Fahrstühle! Ein Errungenschaft der modernen Technik. Damals (60er Jahre) wie heute ein eigenes Erlebnis.

Aber das spannendste am SBH war das Meer.

Strand in Pelabuhan Ratu
man merkt deutlich die Gefahr, die vom Meer ausgeht – hier lauert Nyai Roro Kidul auf grüne Badekleidung.

Die Mystik, die von ihm ausging, den Geschichten, dass regelmäßig Menschen in ihm verschwanden, das alles verwoben mit einer Geschichte einer Göttin der Samudra – See, die einerseits die Küste schützt, dafür aber gerne ein paar Opfer dafür verlangt, bevorzugt Menschen, die Grünes tragen.

“Klabauter klabauter! – Seemannsgeschichten?”

Von wegen! Wir habe aus erster Hand erfahren, das diese Geschichte wahr ist. Denn, auch dieses Hotel gehört heute zur Inna Group und wir hatten das Vergnügen, am Anfang der Reise (neulich!), dieses Hotel zu besuchen und den General Manager des heutigen Inna Samudra Beach Hotels kennenzulernen.

“It is true. There is a special room for her highness. It is maintained every day. And each morning we find in the bed grains of sand. She is alive!”

Ein eigenes Zimmer, alles in grün gehalten, der Lieblingsfarbe der Göttin, die Sandspuren, die Tatsache, dass regelmäßig Menschen in der südlichen Javasee ertrinken. Braucht es da noch mehr Beweise?


Nyai Roro Kidul

Die Erzählung zu Roro Kidul umfasst entlang der javanischen Südküste viele Variationen. Die gemeinsame Grundlage der Geschichten ist der Ertränkungs-Selbstmord einer Frau. Als Motivation für den Freitod wird häufig eine entstellende Hautkrankheit genannt, die bei der ersten Berührung mit dem Seewasser  sofort geheilt wurde. Die Frau wird anschließend vom Meer verschlungen und “taucht” als Gottheit wieder auf.

Soweit die Erzählung, mir stellt sich dabei die Frage, warum dieser Mythos über einen so großen geographischen Raum verbreitet ist und bis heute liebevoll gepflegt wird.

Die Verbreitung der Sage über die gesamte javanische Südküste und über andere Inseln hinaus, ist möglicherweise eine Harmonisierung ähnlicher meerbezogener Mythen, die vor Ankunft des Islam, unabhängig voneinander gepflegt wurden. Mit der Ankunft moslemischer Händler und Intellektueller wurden die einzelnen Erzählungen harmonisiert und überprägt. Ein ähnlicher Mythos wird von den Geistlichen generiert, zur Überblendung bestehender Sagen mit konformem, islamischen Inhalt. Damit wird die neue Religion mit bekannten Relikten untermauert und “glaubwürdig”. Das Prozedere kennen wir aus dem christlichen Raum, wo Kirchen auf heiligen “heidnischen” Plätzen errichtet werden und sich Engel und Heilige zuhauf tummeln. Die eine Religion verleiht Flügel, die andere hängt grüne Tücher auf, viel Camouflage ist meist nicht notwendig, hat sich der Mythos im Lauf der Jahrhunderte ohnehin immer wieder seiner Zeit angepasst.

Wandmosaik
Wände, mit Mythen vollgepflastert …

Die zugrundeliegende, alte, Geschichte von Roro Kidul scheint für mich eher eine Schöpfungsgeschichte zu sein. Die Heldin von ihrer eigenen Gesellschaft ausgegrenzt, wählt den Selbstmord als einzig möglichen Ausweg. Die Gesellschaft erkennt in deren Tod die Ursache des Selbstmordes, nämlich ihre Misfunktionalität und sühnt ihr Versagen durch Tabuvorschriften, wie Opfergaben, keine grüne Kleidung zu tragen etc. Die Buße der Menschen stellt eine Wiedergutmachung der Ausgrenzung Roro Kiduls dar. Im Gegenzug verzeiht Roro Kidul und gewährt den Küstenbewohnern und Seeleuten ihren Schutz vor dem Meer. Das Meer ist gezähmt worden, da es eine rechtmäßige Herrin hat. Damit ist es für die Menschen nutzbar geworden. Die Schöpfung ist vollzogen.

Vor 50 Jahren ist der Mythos aufgefrischt und politisch instrumentalisiert worden. Der erste Präsident Indonesiens, seit der Unabhängigkeit von den Kolonialmächten,  Sukarno, hat den Mythos für sich zu nutzen gewusst. Er hat das Hotel Samudra Beach an einer bestimmten Stelle am Strand von Pelabuhan Ratu bauen lassen, genau dort nämlich, wo er seine sprirituelle Inspiration erhalten haben soll. Diese Erleuchtung erhielt er unter einem Ketapangbaum. Ein Schelm, wer sich hier an Buddhas Lebensgeschichte erinnert fühlt… Der Baum stand exakt vor dem Hotelzimmer, das zukünftig für die Göttin des südlichen Meeres reserviert werden sollte. Der Baum ist zwar nicht mehr vorhanden, aber die Sage wird im Samudra Beach Hotel bis heute gepflegt, indem bis heute ein Raum ganz mit grünem Stoff und eindrucksvollen Gemälden dekoriert wird. Das Zimmer 308 wird nicht an zahlende Gäste vermietet, denn  Roro Kidul soll den Raum jede Nacht besuchen und lässt als Zeichen ihrer Präsenz ein wenig Sand auf den Laken zurück. Es gibt sogar eine Dokumentation darüber bei youtube, dort kann man das geheimnisvolle Zimmer sehen und eine Führung besichtigen.

Auffällig ist die Verbindung von Schuld, Sühne und Buße. Das Muster erinnert mich als süddeutscher Ureinwohner deutlich an meine römisch-katholische Prägung. Offensichtlich war und ist dies eine funktionierende Achse auch für andere Eingottreligionen, vermutlich nicht nur für diese.


Spuren Nyai Roro Kiduls

Auch in Yogya und in Bali wird ein Zimmer für Nyai Roro Kidul frei gehalten. All dies manifestiert die Verwandtschaft dieser Hotels. Und die Klammer heißt Inna Group. In Bali ist es das Bali Beach Hotel, das einzige Gebäude, dass höher als die maximale Bauhöhe übersteigt. Heute heißt es Hotel Inna Grand Bali Beach Hotel. Alle Hotels gehen auf Bung Soekarno, den ersten Präsidenten zurück, dem ja diverse Damenbekanntschaften nachgesagt wurden, aber dessen wahre Liebe vermutlich nur zu Nyai Loro Kidul bestand und seine politische Stärke nur durch sie allein ermöglicht wurde.

Bei soviel Mystik, Politik und Finanzverflechtungen sind wir froh, dass wir “nur” im Inna Bali Heritage Hotel nächtigen, in dem kein Zimmer für Charlie Chaplin, aber für uns reserviert ist.

P.S. Wir versichern, dass wir für diesen Artikel nicht bezahlt wurden. Alles der vollen Wahrheit entspricht und wir jederzeit eine Einladung in eines der genannten Hotels sofort annehmen würden.


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3 Gedanken zu „So werden Göttinnen gemacht

  • 24. Februar 2017 um 15:50
    Permalink

    War eine schöne Reise in die Vergangenheit.
    Ich liebe Märchen und Erzählungen.
    Am rosen Montag feiern wir wieder unseren Namenstag. Motto”zwischen Himmel und hölle”
    Wir schweben schon!
    Nun helau und sevus! Mitzi Engel!

    Antwort
    • 25. Februar 2017 um 11:55
      Permalink

      Ja, das war wirklich witzig. Sind in das Samudra Beach Hotel hineinspaziert und wurden zuerst mal von der Reception abgefangen. Dann habe ich die Geschichte erzählt von unserem Aufenthalt vor X Jahren. Dass wir Kinder den Springbrunnen so toll fanden. Ob es nicht möglich wäre, einen Blick in das Hotel zu werfen? Ja… gegen eine Gebühr von 20.000 Rp können wir zum Pool. Nein, wir wollen nicht schwimmen nur schauen. Mittlerweile ist ein Assitantmanager aufgetaucht, dem ich dann die Geschichte nochmal erzählt habe und wie toll doch das Hotel sei … (alles in bahasa indonesia – mittlerweile war das Hemd schon leicht fleckig geschwitzt). Dann hat er uns persönlich draußen zum Pool (ohne Eintrittsgeld) geführt und ich habe ein paar Photos gemacht. Und siehe da, auf einmal war der General Manager auf der Platte gestanden. Die ganze Story nochmal in English – Hemd nass). Aber er hat uns dann die ganze Magie des Hotels erzählt. Inkl. Nyai Roro Kidul und den Wandmosaiken, dem berühmten Bild von Ihr, wie sie aus den Fluten steigt, das Zimmer, dass sie für sie reserviert haben und dann fing er an uns die Bodenfliesen in der Empfangshalle zu zeigen. Viele, dieser Marmorfließen, zeigen Muster, in denen er die Gestalten diverser Personen aus den Ramayana und Mahabarata Sagen sah. Wow! Danach waren wir geplättet. Der Heimweg im Regen war dann nicht mehr so schlimm, da ich eh nass geschwitzt war.
      Hier in Bali beginnt übrigens auch gerade der Fasching. Alles geht auf Nyepi zu und die Vorbereitungen mit den Ogoh-Ogoh Figuren laufen auf Hochtouren. Auch hier zwischen Himmel und Hölle.
      Feiert schön! Alaaf, Helau und Ho Narro!
      Peter und Evi

      Antwort
  • 27. Februar 2017 um 9:31
    Permalink

    Ho narrow!
    Freue mich, dass ihr so freundlich aufgenommen wurdet. War ja auch immer sehr schön dort!
    Ja wir sind in den letzten Zügen vor unserer Party. Muss noch karpfen backen, dann ergebe ich mich dem suff! Ha, ha!
    Bis dann, hicks von mitzi narr!

    Antwort

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