Bye b(u)y Bali

“Bye b(u)y Bali!”

Prolog

Während in München, Deutschland, ach was, in der ganzen Welt, weiter am Image Balis gestrickt wird und sich die Reiseblogger gegenseitig überschlagen, wie “smaragdgrün die Reisfelder leuchten”, wo man den besten “Bali-Luwak-Agrotourimus-Coffee” schlürft, welche Kneipe die beste balinesische Live-Musik in Sanur spielt, wie unglaublich spirituell und offen die Balinesen sind und noch dazu die Touristen daran teilhaben lassen, kreuchen wir in unserem altersschwachen Jimny Suzuki über kleine Dorfstraßen über Berg und Tal durch den Süden der Insel auf der Suche nach dem echten, authentischen Bali.

“Was ist heute denn noch authentisch?”

Lassen wir das lieber … so kommt man nicht weiter, schon gar nicht, wenn man über holprige Bergwege, auf der linken Straßenseite, den Motor in die Knie zwingt, glücklicherweise ein Babi Guling den Weg kreuzt und unsere Laune positiv beflügelt. Erst kommt das Essen, dann die Moral.

Drei Basisstationen haben wir uns eingerichtet, um von ihnen aus sternförmig die Gegend zu erkunden: Badung (Denpasar), Pelihatan/ Ubud und Padang Bai.

In Denpasar

sind wir im ältesten internationalen Hotel, dem Bali Hotel (heute Inna Bali Heritage Hotel) abgestiegen. Ein herrlicher alter Kasten, heute häufig als Meeting- und Convention Hotel genutzt. Das Hotel liegt am Puputan, dem zentralen Platz, auf dem sich die balinesischen Herrscher gemeinsam mit ihrem Gefolge aus Protest bzw. Widerstand gegen die holländischen Kolonialherrscher in einem kollektiven Freitod dahin metzelten; obwohl heute der chaotische Verkehr den Gedanken an frühere Zeiten zudröhnt, ist es im hinteren Flügel des Hotels ruhig und beschaulich.

Inna Heritage Hotel Bali
mitten im Herzen Denpasars – ein verstecktes Juwel

Morgens, vor Sonnenaufgang, wabert der Muezzin mit seinem Gesang ins Zimmer, bei Sonnenaufgang, schimmern Gendertöne und Priestersanskrit durch die Bäume und ein Blauschnabelweißkopfseeadlerfink bastelt sein Nest aus alten Grashalmen und Zigarettenblisterplastik. Ein Schwarm Spatzen hüpft über die Wiese und das Surren der Elektropumpe wird vom Plätschern des kleinen Wasserfalls im Goldfischteich übertönt. Nachts kommen die Fledermäuse zum Trinken an den großen Hotelpool und einmal wöchentlich räuchert einer der vielen Hausgeister mit seiner DDT-Wumme die bösen Geister (Moskitos) aus der Hotelanlage raus. Wir fühlen uns von Anfang an wohl hier.

Durch Zufall (“es kommt zu Dir”) gelangen wir in eine Tanzaufführung mitten auf dem Puputan. Wie heute augenscheinlich häufig praktiziert, werden Veranstaltungen nur noch “intern” kommuniziert. Das Innen und Außen in Bali funktioniert demnach immer noch gut.

Tanzaufführung am Puputan
während am nördlichen Puputan die Tempelzeremonie zur Vollmondnacht zelebriert wird, findet am südlichen Ende diese, von der Stadt Denpasar gesponsorte, Tanzaufführung statt, an der sich die verschiedenen öffentlichen Schulen mit ihren besten TänzernInnen beteiligen

Vorübergehend sind wir zu Dritt unterwegs, da wir Besuch aus Deutschland erhalten haben, der uns zwei Wochen in Bali begleitet. In der kommenden Zeit werden wir noch drei weitere Freunde aus Bayern sehen und auch noch eine paar deutsche Touristen kennenlernen, die Bali sowohl zum ersten Mal, als auch schon mehrfach (einer davon schon seit 20 Jahren) besucht haben. Ein Hauch von deutscher Kolonie umweht uns.

In Ubud und Pelihatan

verbringen wir ein paar Tage in einem Doppelbungalow und weiterhin ein paar Tage in einer Hotelanlage gleich südlich der großen Kreuzung nahe des Palastes von Ubud, in dem abendlich Tänze aufgeführt werden. Sind quasi mittendrin, unter unseresgleichen. Schwimmen mit anderen Deutschen im Tauchbecken des Hotels, während gleichzeitig die balinesische Familie in einem Paralleluniversum ihren Alltag lebt, der heilige Gunung Agung schaut nur in den frühen Morgenstunden über die Dächer Ubuds zu uns herüber.

Tagsüber schlendern wir im Gänsemarsch auf den schmalen Gehwegen, gesäumt von Häuserzeilen aus Artgallerien, K-Circle Supermärkten, internationalen Restaurants mit Bir Bintang Happy Hour, Live Musik oder Wayang Kulit Aufführungen. Alle 10 Meter wird man von Taxifahrern oder Ticketverkäufern angesprochen, die die allabendlichen Aufführungen anpreisen. Ansonsten versucht man den entgegenkommenden Touristen auszuweichen, ohne dabei auf die Straße zu treten, da hier der Unfalltod durch Mopeds, Autos oder Busse lauert.

Wir entschließen uns den berühmten Barongtanz im Puri Ubud anzusehen. Eine Open-Air Veranstaltung vor dem malerischen Tor im Inneren des Palastes. Ein junges deutsches Paar spricht uns an und wirkt ein wenig enttäuscht von Ubud. Ach! Zu viel Tourismus, zu wenig Kontakt zu den Einheimischen. Motiviert durch das Buch “Eat, Pray, Love” (unbedingt nicht lesen!) haben sie eine Reise auf die Insel der Götter gebucht. Ihr Hotel hat ihnen diese Tanzvorstellung empfohlen, als eine der Besten im wöchentlichen Zyklus der Aufführungen. Wo man hier lokale Gerichte essen könne, zu hiesigen Preisen? Von Babi Guling und Bebek Betutu haben sie nichts gehört. Sie stolpern durch Bali, genauso wie wir, auf der Suche nach authentischen Erlebnissen und dem Bali-Spirit.

Die Aufführung beginnt, Überraschung:

Puri Ubud
keine Indonesier im Publikum

Keine balinesischen/ indonesischen Zuschauer. Das Publikum besteht zu 100% aus Touristen. Puh! Vor der Vorstellung wurden Bir Bintang und andere Getränke gereicht (nicht im Eintrittspreis enthalten). Noch besser wären kleine Bistrotische mit Tappas Variadas, Parmesankäse und, wenn wir schon dabei sind, hätten wir uns noch Brezen gewünscht.

Das Eröffnungsstück ist vorüber. Als erstes sehen wir einen Auszug aus dem Legong. Danach tritt der Barong auf, ein beeindruckender Bursche, helles Fell, Blumen im Zottelbart.

man darf sich heute nicht mehr ganz sicher sein, was hier abläuft. Vielleicht sitzt auf der Tanzfläche ein Pokemon, dass von den Zuschauern gerade eingefangen wird. Der Barong wirkt ein wenig klein – in real ist er groß und beeindruckend – aber was ist heutzutage noch real?

Zu ihm gesellt sich, wie sollte es anders sein, ein Affe, der ihn, wie schon vor 30, 40 Jahren, ein wenig mit einer Banane neckt. Verhaltenes Gelächter? Eher ruhiges Unverständnis.

das Loch in der Socke des Affen gehört zum Kostüm! Denn genau dasselbe Loch war schon bei der Tanzaufführung 1987 in Pelihatan zu sehen (leider fehlt hier wie dort jeglicher photographischer Beweis)

Zu guter letzt die Rangdastory mit der alten Frau, den Mädchen, dem Narrenkönig von Lasem, den Dorfbewohnern.

Sisir
Bali, wie aus dem Bilderbuch
Rangdatanz
der Hexe Rangda verfallen, die schöne Ordnung dahin, Blumenschmuck perdu, wo soll das hinführen?

Die Rettung naht mit den Dorfbewohnern und ihren Schwertern (Keris). Kurz: Rangda wird vertrieben, Schwerter haben nichts gebracht, da ein Fluch Rangdas die Dorfbewohner die Schwerter gegen sich selbst richten lässt. Aber auch den Dorfbewohnern geschieht nichts, da ein Gegenfluch des Barongs die Männer vor Verletzungen schützt. Alles ist wieder im Gleichgewicht (oder so wie wir sagen: beim Alten).
Am Schluss erscheint noch mal der Priester mit Weihwasser. Ein Hauch von Mystik ist wahrnehmbar.

Ein wenig sprachlos verlassen wir den Palast und wanken (nüchtern) zurück zum Hotel.

Resümee: Gutes Handwerk, perfektes Bühnenbild (abgesehen von den weißen Zuschauern), mitreißende Musik, überforderte Zuschauer (insbesondere die allein gelassenen Kinder, deren Eltern mit Knipsen beschäftigt waren), kopfgesteuerte Opernabendstimmung. Mystik: kaum, Authentizität: ja, aber es betrifft eher die ehrliche, echte Absicht Geld zu verdienen

“Aber der Mondschein war echt”

Ubud ist zur Verkaufstheke Indonesiens mutiert (schon seit Jahren). Die Theke reicht mittlerweile von Denpasar bis weit nördlich des Künstlerdorfes. Die Preise liegen beim zwei bis dreifachen von Java. Viele Waren wirken lieblos für den Massentourismus hergestellt. Man muss suchen, um Dinge zu finden, die einem Gefallen und einigermaßen erschwinglich sind.

Biegt man von den Hauptstraßen ab, gelangt man in das (vermeintlich) alte Bali, Straßendörfer mit hohen Mauern und Eingangstoren in die Grundstücke, die nur einen verstellten Zugang ermöglichen, damit die bösen Geister nicht ungehindert Eingang in die Höfe finden. Jedes Dorf hat mindestens einen Banjar, in dem die gemeinsamen Aktivitäten erledigt werden.

Hier läuft alles auf Hochtouren für das bevorstehende Fest der Stille “Nyepi”.

Ogoh ogoh
noch ist er nicht fertig, aber es sind noch ein paar Tage Zeit bis Nyepi

Nicht von “Stille” irritieren lassen, der Tag vor Nyepi ist nicht leise, sondern laut. Durch die Straßen werden Ogoh-Ogoh Figuren getragen (witzigerweise oft als Oger bezeichnet – gibt es auch als Mitbringsel zu kaufen), begleitet von ohrenbetäubendem Lärm der Baleganjur Gamelans. Dies ist dominiert von tellergroßen Zimbeln – schepper schepper für westliche Ohren – raffinierte Rhythmusmuster für Balinesen. Oft vor den Banjars, finden sich Gerüste, in denen die bisher nur halbfertigen kunstvollen Ogoh²  hinter Plastikplanen versteckt werden. Unheimliche greislige Gesellen, bluttriefend, halb Mensch, halb Tier, halb Monster… (hier endet die normale physiognomische Arithmetik). An Nyepi selber steht Bali still (inkl. internationalem Flughafen) – und Bali hat das dringend nötig!

Padang Bai

war vermutlich mal ein idyllisches Fischerdorf. Eine natürliche geschützte Bucht, ein Strand, der durch ein vorgelagertes Riff geschützt ist. Ideal für einen Hafen, günstig für den Fährverkehr zur nächsten Insel Lombok. Lombok wird heute als Bali verkauft. Die Marketing-Maschinerie läuft perfekt. Die kleine Inseln vor Lombok, die Gilis, tauchen auf allen uns bekannten Touristenseiten unterm dem Branding Bali auf.

“Ich mach Urlaub in Bali, mit Surfen, Party, Hindu, Buddha und so …”

Nur ein kleiner Hinweis, Lombok ist muslimisch (eigen, aber muslimisch) und: Lombok ist  n i c h t  Bali. Aber wozu darauf bestehen …

Die Balinesen in Padang Bai sind geschäftstüchtig (zumindest ein paar). Von unserer Bambushütte (es gibt sie noch, aber fragt nicht wie kaputt) hatten wir einen spannenden Ausblick auf die Bucht, den Speedboatkai, das angeschlossene Hotel, das Hotelrestaurant und auf die Hotelbesitzerin: Um 8:00 Uhr morgens beginnt das Spektakel.

warten
Warten auf das Speedboat zu den Gilis … jam karet?

Die ersten Trappel (=Travelbusse alias Minibusse) halten vor dem Nachbarhotel, mit angeschlossenen Restaurant. Ein Ladung, meist junger, bleicher Touristen aller Couleur wird ausgespuckt. Die Trolleys, Rucksäcke, Surfboards, et. al. werden strandseitig abgestellt und die Meute zum Helpdesk des Speedboatinhabers geschickt, um sich einen Sticker fürs Revers abzuholen, damit man nicht unterwegs verloren geht (böse Zungen sagen, dass damit eine gelegentlich notwendige Identifizierung einfacher wird). Subtilerweise befindet sich dieser Helpdesk im Restaurant des Hotels, das, Überraschung (!), Frühstück anbietet. Das Speedboat zu den Gilis, fährt ja erst um 9:30 Uhr. Hm, was tun während man so wartet. Oh, wow!

“Ein Ananas Pancake und ein Nescafe”

“Dazu vielleicht noch ein Bir Bintang”

damit man nachher auch weiß, wieso es einem bei der Überfahrt schlecht geht.  Um 9:00 Uhr entsteht Hektik. Alle werden aufgescheucht, um mit ihrem Gepäck die 100 Meter bis zum Pier, bei mittlerweile stechender Sonne, zu laufen. Die ersten Speedboate liegen bereits am Kai und die Crew beginnt die Beladung. Dann werden alle Passagiere verschifft. Die “G’scheiten” begeben sich sofort aufs Sonnendeck, um dem Dampf unter Deck zu entgehen und schon ein bisschen Party zu machen. Sonnenbrand und Schädelbrummen inklusive. Aber die jungen Leute halten halt viel mehr aus, als wir alten Knochen. 3 mal Hupen und das Speedboat läuft gen Gilis aus.

Kai in Padang Bai
morgendliche Idylle in Padang Bai

Dieses Schauspiel wiederholt sich drei bis viermal täglich mit vielleicht 5-10 Minibussen a 15 Touris mal vier bis sechs Speedboaten (genau haben wir nicht mitgezählt). Alles in der Hand von ein paar balinesischen Familien.

“Hut ab und Gratulation”

Die Chefin, sitzt derweil im Schatten unter der Treppe zu ihrem Restaurant und kauft von einer fliegenden Händlerin Durian ein. Na klar wird hart gehandelt.

“Von nix kommt nix!”
(altes balinesisches Sprichwort)

Obacht Paradies!

In Padang Bai hängen ein paar Übriggebliebene (viele sonnengetrocknete Deutsche) und Tauchbegeisterte herum, und wir. Eine Bucht weiter nach Westen, befindet sich die Blue Lagoon (nicht unsere bevorzugte Bucht), nach Osten die White Beach Lagoon (Bias Tugel).

White Beach Lagoon
leider keine Unterwasseraufnahmen … leider keine Aufnahmen von den Palmen und den Warung …, leider keine Aufnahmen von den tollen Wellen … dafür die Bauruine einer Hotelanlage …

Ein Traum! Warungs mit (für Bali) vernünftigen Preisen, Strand mit Wellen, klares Wasser und wir haben sie gesehen, live, alive, frei, bezaubernd: Die Suppenschildkröte.

Unglaublich, keine fünf Meter von uns entfernt, unbeeindruckt von uns Schnorchlern, den Fähren, die mehrmals täglich vorbeidampfen, den Taucherscharen, die in den Auslegerbooten herangekarrt werden und von dem Müll, den die Tauchbootfahrer nach den Tauchfahrten ins Meer kippen. Die Zeichen unserer Zeit sind auch hier zu finden: Alte Unterhosen, Shampooflaschen, Plastikschnüre und ähnliche Errungenschaften unserer Zivilastion treiben in Mulden zwischen den noch vorhandenen Korallen, Anemonen und Aquarienfischen.

Und wir hatten nochmal Glück. Ein anstehendes Dorffest, bzw. Tempelfest mit Gamelan, Tanz und Gebeten. Auf dem Heimweg von einem Fischrestaurant, hören wir leise ein paar Gamelantöne, die aus einem Banjar in die warme Nacht klingen. Im Banjar werden wir herzlich aufgenommen. Tuak und ein paar Flaschen Bir Bintang machen die Runde. Ausgelassene Stimmung. Alles Laien, angeleitet vom besten Gamelanspieler im Dorf, der auf die Hochschule (Institut Seni Indonesia) in Denpasar geschickt wurde. Eine Handvoll weiterer alter Hasen, hämmern auf die Klangplatten und Gongs ein, als müssten sie erneut getrieben werden. Aber auch die, die nicht so versiert sind, spielen mit (mit Aussetzern, aber nicht aufgebend). So rast die Melodie und reist uns mit.

Probe
die letzte Probe vor dem Tempelfest

Dazu proben die kleinen Mädchen und Buben des Dorfes ihren Tanz unter der Anleitung einer jungen Tanzlehrerin, unter den strengen Blicken erfahrener Tänzerinnen. Immer wieder werden die Handstellungen, Körperhaltung korrigiert. Die Kinder wirken wie Marionetten, die von ihren Mentoren geschoben, gedrückt und korrigiert werden. Doch der Ernst weicht immer wieder dem Lächeln und dem Spaß, den alle miteinander haben. Die Probe ist ein Lehrbeispiel, wie man Tradition, Brauchtum und Glauben am Leben erhält. Gegen Ende der Probe, tanzt eine gestandene Frau einen Solotanz.

aufmerksames, kritisches Publikum, gebannt vom Tanz

So in “Zivil” könnte sie auch irgendeine Marktfrau sein, die tags lethargisch in ihrem Warung sitzt und ein paar Kretek verkauft. Als sie jedoch zum Tanz ansetzt und ihre Körperspannung sie in eine Prinzessin verwandelt, sehen ihr alle still, ernst und gespannt zu. Patzer im Gamelan lösen die Spannung in Gelächter auf. Abbruch und Neuanfang. Geplättet wagen wir kaum zu Atmen, so bezaubernd ist die Probe.

Höhepunkt: Der Barongtänzer. Der Barong wird eigentlich von zwei Männern getanzt, die gemeinsam in einem Barongkostüm stecken. Der Barong ist ein Fabelwesen, der das Gute in der Mythologie der Balinesen verkörpert. Aber bei dieser Probe ist nur der Mensch zu sehen. Er beginnt seinen Tanz und schüttelt sich genauso, wie es ein ausgewachsener Barong machen würde. Hinter ihm, haben sich die kleinen Jungen des Dorfes aufgereiht, die seine Bewegungen imitieren.

“Ja, wenn ich mal groß bin, dann, will ich auch mal den Barong tanzen.”

Ein Bild für Götter (so muss und kann es nur in Bali sein). Danach ist die Probe beendet und die Gemeinde verlässt den Banjar.

Tempelfest in Padang Bai

Als zwei Tage darauf das Tempelfest stattfindet, sind ca. 30 Weißnasen, darunter wir, auch dabei. Alle werden ordentlich in eine Ecke der Dorfstraße platziert und der dorfälteste Franzose erläutert, was hier die nächsten Stunden passieren wird. Auch er ist traditionell gekleidet, mit weißem Hemd, auf dem am Revers links ein Barong- und rechts ein Rangdabild zu sehen ist. Jedesmal, wenn er die Funktion des Barong oder der Rangda erläutert, deutet er zur Vertiefung dieses neuen Wissens auf die entsprechend Seite der Brust. Er ermahnt uns:

“When the trance appears, stay calm and keep sitting”
(der Akzent – hach)

Das Fest beginnt. Die Straße ist gefüllt mit Balinesen im Festtagsgewand. Sie bilden sitzend ein Spalier für die Tänzer. Zum Auftakt beginnen die Kinder.

Tempelfest in Padang Bai
noch ist es hell, die Kinder führen ihren Tanz auf; Schminke, Sarong und Kopfschmuck lassen sie zu kleinen Erwachsenen werden; derweil werden die heiligen Masken aus dem Tempel getragen

Danach wird der Barong aus dem Tempel geführt. Erhaben, prächtig. Unglaublich prächtig. Sein Fell besteht aus tausenden schimmernder Federn. Sehr lustig, der Barong kann sprechen. Vermutlich unter seinem Kostüm befindet sich ein drahtloses Mikrophon. Er lacht sich kaputt, brabbelt und schreit Gebetsformeln (naja, keine Ahnung ob es Gebetsformeln sind – mein Balinesisch ist auf zwei Worte reduziert – aber … es könnten Gebetsformeln sein). Wer kann, berührt seine Flanken, das soll Glück bringen. Irgendwann lässt er sich nieder und wartet ab:

Die Hexe, Rangda, erscheint. Sie kann ihr Aussehen wandeln. Und so erscheint diese Figur in verschiedenen Kostümen im Laufe des Abends. Zunächst als imposante, haarige Fratze (Maske) mit langer hässlicher Zunge, die aus ihrem Maul mit langen weißen Hauzähnen heraushängt.

Die ersten Balinesen fallen in Trance. Schreiend und sich verrenkend. Die umstehenden Dorfbewohner, Freunde, Verwandten nehmen sie schützend in ihre Arme. Halten sie fest, wenn ein weiterer Schreikrampf aus ihren Körper weicht. Direkt hinter der Touristengruppe fällt eine junge Frau in Trance. Unruhe macht sich unter uns breit.  Auch die Balinesen geraten in Verwirrung.

“Duduk duduk”
bleibt sitzen!

Kinder brechen in Tränen aus und werden von ihren Eltern beruhigt

“Tidak apa apa”
(das macht nichts, nicht so schlimm)

Derweil tanzt Rangda weiter die Dorfstraße entlang. Flüche und Gluckser von sich gebend. Weitere Menschen fallen in Trance, vielleicht 10, 15 Leute. Eine junge Balinesin gerät in eine Tanztrance. Sobald das Gamelan spielt tanzt sie. Wenn es aufhört, sackt sie in sich zusammen. Wenn es wieder beginnt, springt sie auf und tanzt weiter. Immer behütet von ihrem jungen Begleiter, der sie auffängt und am Hüftgürtel festhält, wenn sie davonzutanzen droht.

Alle, werden vor dem Gamelan zusammengetragen und auf den Boden gelegt, jeweils in den Schoß eines Angehörigen.

die Trance ist bald vorüber …

Mittlerweile ist eine Heerschar von Priestern unterwegs, um die in Trance Gefallenen, wieder daraus zu befreien. Junge Küken, Unmengen von Weihwasser, aber auch Fantalimonade sind dabei unersetzliche Hilfsmittel. Auch der Barong ist wieder aufgesprungen und tanzt durch die Menge. Er bringt das entstandene Ungleichgewicht wieder in Balance. Die am Boden Liegenden erwachen allmählich wieder. Schütteln sich, trinken das Weihwasser, die Fanta und rubbeln sich die Gesichter, unwissend, was mit ihnen geschehen ist. Unwissend, wie wir, was hier eigentlich gerade abgelaufen ist. Wie ein tropischer Traum, aus dem man gerade hochgeschreckt ist, schweißgebadet, mit trockenem Mund und Muskelkater in den Gliedern, von den nächtlichen Krämpfen, die ein heißer Tag verursacht hat. Der Spuk ist vorüber.

“Mari Pulang, makan, nanti jam 10 mulai lagi.”
(Pack ma’s, Abendessen, nachher um 10 geht’s weiter)

Der Platz leert sich, ein paar Pecalang bleiben hier.

Um zehn geht’s weiter

Das Gamelan ist bereits voll besetzt als wir ankommen und kurz drauf beginnt der Tanz der Dorfschönheiten “Sisir”.

zweiter Akt: weniger weiße Haut, mehr weißer Stoff – noch läuft alles in geordneten Bahnen

Danach folgt der Solotanz der Ibu. Sie ist kaum wiederzuerkennen. Was die paar Lidstriche ausmachen … Gestern noch ein Solotanz, heute vereint sich alles in einer Geschichte. Der Tanz gemeinsam mit den jungen Frauen. Abgang und Auftritt der “alten Frau”. Obacht! möchte man hier den Dorfbewohner zurufen.

Die zuvor hübschen Frauen, erscheinen wieder, kaum zu erkennen, mit offenen Haaren und entstellender Schminke im Gesicht. Die Tanzbewegungen sind eher verrenkend als geschmeidig. Höhepunkt des Bühnenbilds (die Balinesen haben ein Händchen für den gekonnten Einsatz von Special Effects) ist ein bengalisches Feuer, um dass die alte Frau die Mädels tanzen lässt.

Tanz in Rot
Außerirdisch. Das Gamelan tobt und der Zauber wirkt: Gänsehaut!

Danach folgt der Klamauk mit dem Narrenkönig und seinen zwei Knechten, die die Hexe Rangda herausfordern. Aus der Mitte des Dorfes, folgt sie den drei fliehenden Clowns hinaus in die Nacht.

Heimweg … übrigens in dieselbe Richtung wie Rangda, begeistert und besorgt.

Wohin nur Bali?

Parallele Welten erschaffen, die eigene Kultur hinüberretten in eine ungewisse Zukunft. Eigentlich waren die Balinesen immer stark darin. Die Teilnahme, passiv, wie aktiv von Gästen war nie wirklich ein Problem. Aber der Druck wächst. Ein neuer Flughafen ist im Norden bei Singaraja geplant, die Touristenzahlen sollen sich verdoppeln. Der innerindonesische, innerasiatische, indische Tourismus, aber auch wir, setzen Bali immer mehr unter Druck. Zehn “neue Balis” sollen zwar Erleichterung für das eigentliche Bali schaffen. Betrachtete man die muslimischen Gepflogenheiten (insb. das Alkoholverbot und die strengen Kleidervorschriften), dann werden die neuen Tourismuszentren eine wirkliche Herausforderung für das nächste Jahrzehnte in Indonesien. Auch die Balinesen spüren diesen Druck. Bestimmte Bereiche der Tempel sind jetzt schon nur noch für Balinesen zugänglich. Gleichzeitig beginnt der Ausverkauf.

Bukit, die wasserarme südliche Halbinsel südlich des internationalen Flughafens, ist nicht wiederzuerkennen. Noch vor wenigen Jahren, war Bukit eine karge, eher agrarisch extensiv geprägte Ecke, heute finden sich viele Hotels, Ressorts, Surferbars, Straßen, viel Verkehr…  Jeder Strand hat einen Namen. Neue points of interest werden geschaffen. Und sogar neben Ulu Watu, einem der großen Heiligtümer der Balinesen, das einen großen Parkplatz und Warungs schon seit Jahren sein eigen nennt, wird direkt daneben eine neue Hotelanlage errichtet.

hier kann man immer noch schöne Bilder machen

Vermutlich bezaubernd schön, wie das Golfressort neben Tanah Lot. Der architektonische Balistyle ist schließlich weltberühmt und unique. Aber unbenommen davon, gibt es auch hier den Mainstream (nicht das Einzelne prägt das Bild, es ist die Masse).

im Wandel der Zeit: lange eine Bauruine. Gab es einen Paradigmenwechsel im balinesischen Baurecht?
so hatte es noch 20111 ausgesehen – alte Kamera, verregneter Tag, damals schon ein Schock, dass es soweit kommen konnte …

Alles wird gut. Jeder macht sein Schnäppchen und wie immer werden die normalen Menschen einfach zusehen und auf den berühmten trickle down Effect hoffen und danach leer ausgehen. Der Konsum ist hier in Bali so überdeutlich. Die Geißel der Menschheit, der Mainstream, also sie selbst, kam vor Jahrzehnten nach Kuta, überrollte es binnen Jahren, um weiter nördlich nach Legian zu ziehen. Danach schwappte alles noch weiter nördlich nach Seminyak. Nun ist Canggu an der Reihe und es ist nicht mehr viel Platz bis Tanah Lot… Bauen, Party, Ausspucken und Weiterziehen. Wie lange noch? Welche ein Glück. Hinter Bali gibt es ja Lombok-Bali, Sumbawa-Bali, Komodo-Bali, Flores-Bali…

“Bye, B(u)y, Bali!”

Wir werden Dich im Herzen so behalten, wie Du einst warst. Echt, authentisch, geschaffen von einer Handvoll westlicher Intellektueller und einer Marketingmaschinerie, gesteuert von Bung Soekarno, den Allüberragenden.

Bild von Soekarno

 


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