Satrio

Die Schwalben flogen himmelfüllend unter den schweren Wolken. Ihr emsiges Fliegen und nie Sitzenbleibendes trieb zur Geschäftigkeit an. Sinnhaftigkeit war nicht die Intention, eher stumpfes Tun. Der Ruf des Muezzin untermalte die Stimmung mit seinem gleichförmigen Klangteppich, den er über die müden Bananenstauden und stillen Reisfelder legte. Satrio ließ den Blick schweifen über die Reste des Abendessens, einige Mandarinenschalen, die von den Katzen verschmäht wurden. Das Abendessen brachte ihm eine Nachbarin, eine ältere Marktfrau, die ihm die Reste ihres Tagwerks gerne überließ. Als langjähriger Witwer war er froh, dass die Dorfgemeinschaft sich um ihn kümmerte, auch wenn er vieles hätte selbst besorgen können, war ihm die Anteilnahme recht. Es machte ihm sein Leben angenehmer, ähnlich wie mit seiner Frau damals.

Es wurde Zeit, den Sack mit Dünger über die Schulter zu werfen und zwei bestimmte Stellen seiner Felder mit Chemie zu versorgen. Phosphat war billig und ohne es war die Arbeit der Mühe nicht wert, denn mindere Qualität, wie ungleichmäßige Reiskörner konnte er nur selbst essen, sie waren auf dem Markt unverkäuflich. Der Druck der Globalisierung war hier schon lange angekommen.

Gestern hatte ein Blitz in eine seiner Kokospalmen eingeschlagen. Er hatte es nicht gesehen, aber den darauffolgenden Donner nicht nur gehört, sondern den ohrenbetäubenden Schlag bis in die Magenhöhle gespürt. Später hat er die Palme begutachtet, ihre Wedel waren mehrfach verquirlt und er vermeinte Rußschwärze an den oberen Blattschäften zu erkennen. Vermutlich würde sie in einigen Wochen eingehen, mit Sicherheit die nächsten Jahre keine Früchte tragen, oder zumindest nur in verkümmerter Größe. Neben der Palme hatten die Dorfbewohner schon im Boden gegraben und die Blitzversteinerung eilig in die Moschee getragen.

Satrio hatte vor Jahren selbst einmal eines dieser Gebilde ausgegraben, eine steinerne Röhre, verästelt und rau. Die Farbe war ein durchscheinendes Weiß, fast wie eine Skulptur, geheimnisvoll und unerklärlich, wie eine Botschaft aus einer anderen Welt.

Ein Blitzeinschlag war in der Gegend nichts Ungewöhnliches, es rankten sich einige Mythen um die Gewitterneigung seines Landstriches. Entweder es war der eisenhaltige Boden, der die Blitze anzog oder sagenhafte Goldschätze. Vielleicht auch der Einfluss der Göttin des südlichen Meeres, Nyiai Loro Kidul, deren Präsenz und Spuren immer wieder Zeugen fand. Am wahrscheinlichsten aber war doch der Zorn Allahs.

Veränderungen waren selten in Satrios Leben und selbst wenn sie geschahen, vollzogen sie sich meist unbemerkt. Manchmal fühlte er sich an seinem Leben seltsam unbeteiligt, als wäre er nur eine Figur in einem Schattenspiel. Kein Prinz oder Heerführer, nur einer unter vielen. Doch es gab diese kleine Flamme, die lebte und flackerte und wartete.

Satrio sah sich in seinem Häuschen um, betrachtete ruhig die altvertraute Umgebung, Möbel, Kochstelle, seine Habseligkeiten, die ihm treu und heimelig zunickten. Was sollte er mitnehmen, ja Geld, es war natürlich nicht viel. Aber ohne Geld war es töricht und seine gute Hose konnte auch nicht schaden. Er wollte ja nicht jedem als Bauer vom Land ins Auge springen mit seinem abgewetzten Sarong.

Aber bestand nicht die Gefahr, dass jemand ihn beim Verlassen beobachten oder gar aufhalten würde? Das kleine Bündel, das er bei sich trug würde jedenfalls wenig auffallen. Ungewöhnlich war vor allem der Zeitpunkt, um auf die Straße hinunterzutreten und sich Richtung Stadt zu wenden. Jetzt war Feldarbeitzeit, keine andere. Er lugte aus seinem halbgeschlossenen Fensterladen heraus, aber niemand war zu sehen. Es war noch früh, aber die Sonne brannte bereits zwischen den Wolken hindurch.

Was sollte er tun, die Haustür verschließen oder offen stehen lassen? Wollte er eine Botschaft hinterlassen und welche, würde man sie auch verstehen? Sucht nicht nach mir, sucht nach mir? Es geht mir gut, es geht mir schlecht? Satrio entschloss sich die Haustüre zu schließen und den Schlüssel innen stecken zu lassen.

Gesammelt trat er ins Freie.

In gewohntem Schritt ging er den schmalen Fußpfad in Richtung Straße, die sich auf der eine Seite hoch in die Berge hineinwand und auf der anderen Seite in die nahe Küstenstadt führte. Die Entscheidung war leicht, er trat an den Fahrbahnrand unter einen Mangobaum, blickte zu den Schwalben hinauf. Ein klappriger Minibus fuhr langsam an ihm vorbei. Der Fahrer rief ihm ein aufforderndes Wort zu, Satrio stieg ein.


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